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„Maggie“ mit Schwarzenegger : Jetzt ist er also doch Schauspieler geworden

Wenn es um die Familie geht, fackelt er nicht lange: Wade Vogel (Arnold Schwarzenegger) gibt Feuer. Bild: Splendid Film

Arnold Schwarzenegger spielt in „Maggie“ besser denn je: Der hilflose Vater und mürrische Farmer Wade Vogel ist die Rolle seines Lebens. Leider kommt der Zombiefilm bei uns nicht ins Kino, sondern nur auf DVD.

          Trüb murmelt das todkranke Mädchen Maggie Vogel: „I’don‘t feel well“, es geht mir nicht gut. Die Schauspielerin Abigail Breslin spricht den Satz einerseits so verzagt, als bäte sie damit um Verzeihung, andererseits aber auch als eine Art Echo des ebenfalls sehr höflichen ersten Satzes, mit dem sich das menschengemachte Ungeheuer in Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ von 1813 das erste Mal Gehör verschafft: „Pardon this intrusion“, entschuldigen Sie bitte die Störung.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Maggies klägliche Würde weckt starke fürsorgliche Instinkte; noch die kleinsten Gesten, die knappsten sprachlichen oder mimischen Mitteilungen ihres Vaters Wade folgen daher dem dringenden Wunsch, die Tochter zu beschützen. Man sieht es an der skeptischen Falte zwischen den Augenbrauen, dem mürrischen Patriarchenstolz im Blick, der ganzen angespannten, brüchigen Männlichkeit – dieser Mensch ist ein Noah, der seine arme Arche aus leider ziemlich morschen Brettern bauen muss, aber die nötigen Nägel zwischen den Zähnen sammelt, damit keiner verlorengeht.

          Mehr Statur als alle Actiongummigötter

          Diesen Wade Vogel spielt in der horrormedizinischen Familientragödie „Maggie“ der weltbekannte Körperbrocken Arnold Schwarzenegger. Man hat ihn noch nie besser spielen gesehen. Wie er da schweigt und brütet, wenn er gegen die Müdigkeit des Sämanns ankämpft, der seine eigene Ernte abfackeln muss, wie er am Steuer seines Trucks seine Erschöpfung durch ein ganz leichtes Tatternicken verrät, wie ihm vor Hilflosigkeit Tränen in die Augen schießen oder wie er bei der Selbstverteidigung kurzatmig pfeift, überzeugt er wohl selbst das misstrauischste Publikum von einer sehr einfachen Wahrheit: Ein richtiger Schauspieler, was immer das sei, war Schwarzenegger wahrscheinlich schon immer, man hat ihm bisher nur stets zu viel Platz zum Chargieren und Rangieren gelassen, als dass er sich je auf das Wesentliche einer Figur hätte konzentrieren müssen – „wesentlich“, nicht „innerlich“: Schauspielerei ist aus künstlichen Stilmerkmalen der kontrollierten Selbstentblößung ausgedachter Leidenschaften gemacht, nicht aus angewandten psychologischen Erkenntnissen über wirkliche Menschen.

          Der wütende Körperbrocken bei der Arbeit.

          In „Maggie“ wird Schwarzeneggers massive Körperlichkeit – nicht zum ersten Mal, aber doch endlich angemessen genau gefilmt – zur goldrichtigen Metapher für die Hartnäckigkeit menschlicher Stärken, Schwächen, Intimitäten und unüberbrückbaren Distanzen selbst bei größtmöglicher Nähe einander aufrichtig zugeneigter, aber vom Grauen entzweiter Gestalten: So schwer wie diese Knochen ist das Leben. Selbst Schwarzeneggers penetrantestes Markenzeichen, der nie abgelegte österreichische Akzent, wird mit einem Mal zum einleuchtenden Farmerdialekt: „Schie’s mei dohter“, sie ist meine Tochter, erklärt er einem Ordnungshüter, der ihn von der Angehörigen trennen will, für die er sich zusammenreißt (und damit in anderthalb Stunden mehr Statur gewinnt, als alle Actiongummigötter je besaßen, die er verkörpern durfte).

          Scheinbare Normalität im Zombiefilm „Maggie“.

          Ein Fenster ins Fremdeste, also ins Wahre

          „Maggie“ ist das Spielfilmdebüt des Regisseurs Henry Hobson – ein Zombiefilm, sagt das Etikett, und zweifellos einer, der seine Genreverpflichtungen ernst nimmt. Mit dem derzeitigen Boom der schlurfenden Innereienfresser hat er aber in der Hauptsache, im Atmosphärischen nämlich, nicht mehr gemein als die vertrackte interplanetarische Identitätssuche „Another Earth“ (2011) von Mike Cahill mit „Star Wars“ (1977) von George Lucas oder die als Biestschocker aufgemachte scharfe Kritik des nordamerikanischen Neo-Retro-Kolonialismus „Monsters“ (2010) von Gareth Edwards mit dem wuchtigen Remake „Godzilla“ (2014) desselben Regisseurs.

          Wie bei Edwards, wie bei Cahill und schließlich wie bei Shane Carruth, der aus der Riege der jungen Erneuerer des phantastischen Films mit dem hyperintelligenten Zeitreiserätsel „Primer“ (2004) und dem psychokosmologischen Geniestreich „Upstream Colour“ (2013) herausragt, geht es auch in Hobsons „Maggie“ darum, den Metaphernschatz der phantastischen Genres Horror, Fantasy und Science Fiction in einen verschärften Realismus zu überführen, der das Erfahrungsfremde zur Kontrastverschärfung nutzt.

          Wahn lässt sich nur spiegeln

          Ein Fenster ins Fremdeste, dennoch und gerade daher Wahre also: Die Felder in „Maggie“ brennen, als brauchte Feuer hier keinen Sauerstoff mehr; das Farbenspektrum der Films wird von der schwarzmagischen Gleichung Rot gleich Braun gleich Grün gleich Nacht gleich Tag beherrscht, und viele Einstellungen wirken, als hätte Hobson den Bukoliker Andrew Wyeth gezwungen, seine Vision des ländlichen Amerika zu einem von stinkender Hässlichkeit entstellten Umschlagbild für die Zeitschrift „Weird Tales“ zu pervertieren, in der die Angstphantasien eines H.P.Lovecraft zu Hause waren.

          Maggie mit Schusswaffe: Abigail Breslin gibt die Zombietochter

          Denkt man bei Shane Carruths telepathischen Pflanzen in „Upstream Color“ an die störanfällige menschliche Kommunikationsökologie unter vernetzten Massenmedienbedingungen, denkt man bei den von Gareth Edwards gezeigten verwüsteten mexikanisch-nordamerikanischen Grenzregionen an die Weltordnungskriege der vergangenen zwanzig Jahre und bei Mike Cahills digitalem Augenaufschlag in „I Origins“ (2014) an Gesichtserkennungssoftware, so erinnern die Gemütsbrachlandschaften, durch die Wade und seine Tochter in „Maggie“ fahren, eben auch eher an Zivilisations- als an Naturkatastrophen: Bankenkrach, Hypothekendesaster, Schuldenfalle – stimmt schon, es ist ein Zombiefilm, aber einer, der von Dingen handelt, die auch den gewissenhaftesten Gesellschaftsanalytikern des Gegenwartskinos den Schlaf rauben – Leuten wir Ramin Bahrani etwa. Ein Sozialnaturalist wie dieser ist Hobson selbstverständlich trotzdem nicht. Das Phantastische aber erlaubt ihm eine Blicklenkung, die freilegt, dass zum Sozialen niemals nur das gehört, was Menschen so tun und sagen, sondern immer auch das, was sie phantasieren, fürchten, wähnen.

          Fast lautlos

          Da man derlei Wahn aber wiederum nicht direkt anschauen, sondern sich nur im Verhalten und Reden der Personen spiegeln lassen kann, ist Schauspielerei für eine derartige Filmästhetik alles – und Marketing so gut wie nichts: Weil die Verleihverantwortlichen wohl nicht zu Unrecht davon ausgehen, dass Kunstfilmfreunden der Name Schwarzenegger quer zum Geschmack steht, und dass umgekehrt die meisten Schwarzenegger-Fans mit etwas, das so nuancenselig ausbalanciert ist wie „Maggie“, keinen Abend verbringen möchten, ist der Film in Deutschland gar nicht erst in die Kinos gekommen. Seit kurzem gibt es ihn hierzulande immerhin auf DVD. Besser als nichts, kein gerechtes Schicksal freilich – kein glückliches Ende.

          Der Film hat auch keins. Er mündet in eine finstere Versöhnung, einen moralischen Lichtwechsel, erbleichende Liebe: sehr traurig, fast lautlos, im freien Fall.

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