https://www.faz.net/-gqz-9hr1o

Kinofilm „Männerfreundschaften“ : Hatte Goethe Sex mit Schiller?

  • -Aktualisiert am

Ist das noch Klassik oder schon Romantik? Bild: Missing Films

Er will es genau wissen: Rosa von Praunheims Film „Männerfreundschaften“ ist eine improvisierte Zeitreise voller Andeutungen.

          3 Min.

          Goethe und Schiller waren ein Paar. So steht es jedenfalls auf dem Denkmal in Weimar, das die Inschrift trägt: „Dem Dichterpaar – vom Vaterland.“ Die unterstellte Beziehung stand also im Zeichen der Literatur, an weitere Facetten der Zweisamkeit mochte man Mitte des 19. Jahrhunderts, als das Denkmal errichtet wurde, nicht denken. Es bedurfte erst der neueren Kulturwissenschaften, um sich dem innigen Verhältnis der beiden Klassiker noch einmal mit neuen begrifflichen Registern zuzuwenden.

          Das Ergebnis war eine Studie mit einem anzüglichen Titel: „Warm Brothers. Queer Theory and the Age of Goethe“ von Robert Tobin erschien 2015 und fand großen wissenschaftlichen Zuspruch. Für einen Leser in Berlin wurde das Stichwort von den „warmen Brüdern“ zu einem Schlüssel: Rosa von Praunheim, Doyen des schwulen Kinos in Deutschland, setzte sich eine Perücke auf und versetzte sich damit im Geist zurück in eine Epoche zweihundert Jahre vor seiner Zeit. Die Crocs behielt er an, womit sein Film „Männerfreundschaften“ von vornherein etwas von einer improvisierten Zeitreise aufweist – oder von einem Kostümfilm in Andeutungen, von einem „period picture“ in „casual footwear“.

          Eine Epoche intensiver Homosozialität

          Gleichwohl ist das Projekt von einiger Relevanz, denn die Botschaft von Tobin ist in der bildungsbürgerlichen deutschen Öffentlichkeit bisher noch nicht in vollem Umfang angekommen. Man könnte sie in etwa so zusammenfassen: Die Deutsche Klassik war eine Epoche intensiver Homosozialität, und jedenfalls in Teilen auch der Homosexualität, allerdings hatte man von diesem Konzept damals noch keine entwickelten Begriffe. „Insofern wussten die Leute gar nicht, was sie waren“, sagt Rosa von Praunheim, während er sich an die Arbeit im Detail macht.

          Seinem Film schreibt er ausdrücklich den Charakter eines „Workshops“ zu, einige aktionistische Anteile hat „Männerfreundschaften“ auch. Denn das große Thema erfordert nicht nur Konzessionen an den „Genius Loci“ – also eine Reise nach Weimar –, es reizt auch zur performativen Umsetzung. So kommt es zu zeitweiligen Inbesitznahmen der Denkmäler durch junge Männer, die mehr als nur andeuten, wie intimer Kontakt zwischen den Männern im Lauf der Zeiten ausgesehen haben mag. Die Kulturtouristen lassen sich davon nicht abschrecken. Und Praunheim lässt es bei einigem Lustwandeln in schönen Landschaften nicht bewenden. Er will es genau wissen.

          Bei Tischbein sah es komfortabler aus: Der sinnierende Dichter

          Dafür finden sich eine ganze Reihe von Gesprächspartnern über Robert Tobin hinaus. Da Goethe und Schiller (wie Winckelmann, Kleist, Gleim, Platen und August von Sachsen-Gotha-Altenburg) dem Vaterland gehören, unterliegen sie auch entsprechenden Reklamationsbemühungen. Und so kommen in „Männerfreundschaften“ eine Reihe von Menschen zu Wort, die sich aus wissenschaftlicher oder engagierter oder identifizierender Sicht mit der Frage beschäftigen, ob den zahlreichen Beteuerungen intensiver Zugewandtheit zwischen Goethe und Schiller und zwischen vielen anderen Männerfreunden um 1800 auch konkrete, körperliche Handlungen folgten. Also rundheraus: Hatte Goethe Sex mit Männern? Am Ende gar mit Schiller?

          Da alles menschliche Handeln aus Zusammenhängen kommt, muss Rosa von Praunheim für die Antwort ein wenig ausholen. Er muss zurück zu Winckelmann, der den Deutschen einen Kanon des Schönen schenkte, in dem „wohlgebildete Knaben“ (vornehmlich aus Marmor oder in Öl) eine bedeutende Rolle spielten. Er muss zu Johann Wilhelm Ludwig Gleim, der für die Freundschaft sogar einen Tempel errichten ließ. Er wendet sich den Reisen von Alexander von Humboldt zu, von dem ein Kundiger sagt: „Seine Sexualität steckt hinter seiner Reiselust“. Und er stößt eben auch auf August, Erzherzog von Sachsen-Gotha-Altenburg, der einen „poetischen Roman“ mit dem Titel „Kyllenion. Ein Jahr in Arkadien“ geschrieben hat, dessen Schäferidyllik deutliche Potentiale für eine queere Lektüre aufweist.

          Das Reisen war für die Männer der Klassik auch eine Form der sexuellen Überschreitung von Grenzen. In Italien fand Goethe nach überwiegender Meinung der in „Männerfreundschaften“ Konsultierten auch Kontakt zu schwulen Szenen. Hier erst wurde so richtig der „polysexuelle“ Goethe geboren, von dem ja zahlreiche Frauenbeziehungen bestens dokumentiert sind, während seine angenommenen Erlebnisse mit (jungen) Männern in Italien unter dem Siegel der Anonymität stattfanden. Goethe wäre demnach auch ein Vorfahre von Pasolini gewesen, dem großen Dichter der „ragazzi di vita“ – der spätere Dichterfürst der Deutschen habe sich in Italien (respektive in Arkadien) so richtig „ins Getümmel gestürzt“.

          Da steckt natürlich ein bisschen Identitätspolitik dahinter. Aber das ist ja sowieso das Metier von Rosa von Praunheim, der in seiner langen Karriere mit Filmen über Magnus Hirschfeld („Der Einstein des Sex“) und immer wieder auch über seine eigenen Erfahrungen („Neurosia: 50 Jahre pervers“) die Deutschen unermüdlich über die Vielfalt des männlichen und schwulen Begehrens aufgeklärt hat. Nach „Männerfreundschaften“ können Goethe und Schiller auch weiterhin einheitsstiftend für das deutsche Vaterland ihre Denkmalsfunktion wahrnehmen – und im Grunde wird ihr Klassikerstatus durch Rosa von Praunheims Film sogar bekräftigt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die draußen gegen die drinnen: Aktivisten demonstrieren am Mittwoch vor den Türen der Messehalle in Madrid.

          Klimagipfel in Madrid : Aufbruch im Mäuseschritt

          Beim Klimagipfel in Madrid trifft Protest auf Politik, ehrgeizig wollen alle sein. Doch im Inneren der Messehalle sind selbst kleine Kompromisse mühsam – vielversprechend klingt nur der „Green Deal.“
          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.