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„Madame Bovary“ im Kino : Ein anderes Kaliber

Dauernd im Bild, rettet den Film aber nicht: Mia Wasikowska (mit Henry Lloyd-Hughes) als Emma Bovary. Bild: Warner

Flauberts Roman „Madame Bovary“ ist schon oft verfilmt worden. Jetzt versucht es die Regisseurin Sophie Barthes mit Mia Wasikowska – doch Flauberts gemeines Spiel mit seinen Figuren und Lesern ist schwer umzusetzen.

          Es gibt eine „Madame Bovary“ von Claude Chabrol mit Isabelle Huppert und eine von Vincente Minnelli mit Jennifer Jones. Es gibt „Bovary“-Verfilmungen von Jean Renoir, Gerhard Lamprecht (mit Pola Negri und Ferdinand Marian) und einem halben Dutzend anderer Regisseure, die meisten davon fürs Fernsehen. Dies ist nun die Bovary von Mia Wasikowska.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn obwohl die Amerikanerin Sophie Barthes bei „Madame Bovary“ Regie geführt hat, ist der Film erkennbar auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten, die vom ersten bis zum vorletzten Moment im Bild ist, erst blass, schüchtern, gelangweilt, dann launisch, aufmüpfig, sehnsüchtig, verrucht und verzweifelt, in einer Folge von Gemütszuständen, denen man so gleichgültig zuschaut wie einem Aprilgewitter hinter Doppelglasfenstern. Offensichtlich ging es bei dem Projekt darum, den Trick zu wiederholen, der Mia Wasikowska vor vier Jahren in Cary Fukunagas Adaption von „Jane Eyre“ gelungen ist: die Neuerfindung der Romantik aus dem Geist von David Lynch und Tim Burton.

          Gemeines Spiel mit den Figuren

          Aber ebendas ist Sophie Barthes und ihrem Star nicht gelungen, obwohl der Film an Originalschauplätzen des Romans und mit einem Höchstmaß an historischer Kostümierung und schauspielerischer Intelligenz (Paul Giamatti, Rhys Ifans, Olivier Gourmet et al.) gedreht wurde. Der Grund dafür ist von der ersten Szene an klar, und er hat nichts damit zu tun, dass im Drehbuch von Felipe Marino, der den Film auch mitproduziert hat, ein paar Figuren (wie Emma Bovarys Tochter Berthe) gestrichen, ein paar andere (wie Emmas Liebhaber Boulanger und der Marquis d’Andervilliers) miteinander verschmolzen und einige Höhepunkte der Geschichte (wie die Kutschfahrt mit Léon durch die Straßen von Rouen) entfallen sind.

          Nein, es liegt daran, dass Flaubert als Romancier ein ganz anderes Kaliber ist als die Brontë-Schwestern oder Jane Austen, dass er ein viel gemeineres und moderneres Spiel mit seinen Figuren und Lesern treibt – und dass der Film, seinen Kulissen, Kostümen und seiner virtuosen Kamera zum Trotz, diesem Spiel nicht annähernd gewachsen ist. Er humpelt daher wie der Hofknecht Hippolyt, den der Landarzt Charles Bovary vergeblich von seinem Klumpfuß zu befreien versucht; und wenn es ernst wird, wie in den Szenen, in denen Emma erfährt, dass sie ihren Kredit beim Schneider und in der Liebe erschöpft hat, gehen ihm regelmäßig die Worte aus. Als vor einem Vierteljahrhundert Chabrols Verfilmung herauskam und Isabelle Huppert in den Armen von Jean-François Balmer ihre schwarze Seele aushauchte, mochte man denken, dies sei nicht das letzte Wort des Kinos zu „Madame Bovary“. Aber vielleicht war es das doch.

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