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Cranach-Ausstellung : Der Künstler im Schatten der Marke

Die Hand von Lucas oder die Kunst der Werkstatt? Die „Ruhende Quellnymphe“ malte Cranach der Jüngere im Jahr 1550 Bild: Nasjonalmuseet for kunst, arkitektur ok design, Oslo

Eine Ausstellung in Wittenberg versucht, Lucas Cranach den Jüngeren aus dem Schatten seines berühmten Vaters hervortreten zu lassen. Aber brauchen wir diese „Entdeckung“ überhaupt?

          Nehmen wir irgendein Bild. Die „Auferstehung Christi mit Stifterfamilie“, ein Epitaph für den Leipziger Bürgermeister und Universitätsrektor Leonhard Badehorn, datiert auf das Jahr 1554. Im Vordergrund die Stifterfamilie, der Hausherr und seine beiden Ehefrauen mit elf Kindern, orgelpfeifenartig gereiht, mit Wappen und Helmzier am Rand - gemalte Großbürgerpracht, spätgotisch klamm und steif, die Körper im Gebet, die Gesichter in Stereotypen erstarrt, nur die Züge der zwei Frauen porträthaft belebt. Darüber, in schwebendem Kontrapost, der auferstandene Christus, ein nackter Riese auf seinem Sarg, mit dürerhaft weichem Antlitz im Strahlenkranz und wehendem Purpurmantel, die linke Hand um den gläsernen Schaft des Kreuzbanners gelegt, die rechte zum Wolkenhimmel zeigend.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und dann der Mittelgrund! Vier zwergenhafte Wächter in schimmernder Wehr, einer schlummernd auf den Sarkophag gestützt, die anderen erwacht und furchtsam staunend; Märchenbuch-Gnome, Grimmsche Witzbolde in biblischer Mission. Dahinter Buschwerk und Blumen, naturalistisch fein; ein offenes Gartentor ins Himmelreich; rechts hinten, in weiter Ferne, Golgatha.

          Das alles soll, so verkünden es die Organisatoren der diesjährigen sachsen-anhaltischen Landesausstellung in Wittenberg, „Cranach der Jüngere“ gemalt haben, ein Künstler, der im Oktober 1515 als zweitältester Sohn des damals schon berühmten Hofmalers Lucas Cranach des Älteren in der Residenzstadt der ernestinischen Kurfürsten geboren wurde und ebendort im Januar 1586 starb. Aber wie viele Malstile sieht man tatsächlich in dem Bild? Der Mittelgrund und das Haupt Christi haben die Epochenwende der Renaissance bereits hinter sich, dem Körper des Erlösers und der Stifterfamilie steht sie noch bevor. Die Wiese, auf der Badehorn und die Seinen knien, ist noch ganz altflämisch, während über der Landschaft im Hintergrund schon ein Hauch von Brueghel liegt. Es ist, als hätten sich zwei, drei Malerperspektiven übereinandergeschoben, eine rückwärts, eine andere in die Zukunft gerichtet, die dritte ein verwirrendes Gemisch aus beiden.

          Wie der Vater, so der Sohn

          Aber vielleicht ist alles ja viel einfacher. Die Cranachs hatten nämlich eine große, florierende Werkstatt, die vom Vater auf den Sohn überging, als der Patron fast achtzig war, und die der jüngere Cranach im Geist des älteren weiterführte, arbeitsteilig, profitbewusst, effizienzorientiert. So waren Cranach père et fils, beispielsweise, die führenden Bildpropagandisten der Reformation, was sie aber keineswegs daran hinderte, auch für katholische Auftraggeber zu malen, zumindest so lange, bis nach 1550 wieder reichlich Bestellungen für Altarbilder lutherischer Kirchen eingingen. Und es machte ihnen auch wenig aus, miteinander verwechselt zu werden - im Gegenteil, wie eine berühmte Anekdote illustriert, die im Feldlager Karls V. vor Wittenberg spielt.

          Dorthin hatte der Kaiser, der gerade das Heer des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich vernichtet und diesen selbst gefangengenommen hatte, den älteren Cranach bestellt, um von ihm zu erfahren, ob ein Tafelbild, das sich in seinem Besitz befand, vom Vater oder vom Sohn gemalt sei. Der Greis aber schwieg. Offensichtlich wollte er, wie man heute sagen würde, die Marke schützen, jene Produktionsgemeinschaft namens „Cranach“, deren Gütesiegel auf fast allen Cranach-Gemälden prangt: die gefiederte Schlange mit dem Ring im Maul.

          Viele Bilder in einem: Das Epitaph für den Leipziger Bürgermeister Leonhard Badehorn entstand 1554 Bilderstrecke

          Und damit beginnen die Probleme der Ausstellungsmacher. Denn die Flügel des Schlangensignets zeigen vor 1537, dem Jahr, in dem der jüngere Lucas nach dem Tod seines älteren Bruders Hans zum Meisterschüler des Vaters aufstieg, meist wie eine Fledermausschwinge nach oben, während sie auf der Mehrzahl der später entstandenen Gemälde nach Art von Vogelfedern flach anliegen. Mit diesem Indiz in der Hand haben mehrere Generationen von Kunsthistorikern seit Jakob Rosenberg (der 1932 das erste Cranach-Werkverzeichnis veröffentlichte) die sogenannte Händescheidung zwischen dem älteren und dem jüngeren Cranach für die fünfzehn Jahre vor dem Tod des Vaters im Oktober 1553 betrieben. Für die drei Jahrzehnte danach schien die Sache klar: Erstklassige Werke, wie das Memorialbild des neuen sächsischen Kurfürsten Moritz aus Meißen, wurden Cranach dem Jüngeren allein zugeschrieben, während uneinheitliche oder zweitrangige Gemälde den Zusatz „und Werkstatt“ erhielten oder ganz den Schülern angekreidet wurden.

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