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„Love & Mercy“ im Kino : Die Leiden des Beach Boys mit dem Sandkasten

  • -Aktualisiert am

Zwei Bässe in verschiedenen Tonarten, wie soll das gehen? Brian Wilson (Paul Dano) vor kalifornischer Kulisse Bild: Studiocanal

Bedrohliches Wasser unter kalifornischer Sonne: Der Film „Love & Mercy“ zeigt zwei Lebenskrisen des Beach Boys Brian Wilson. Dabei spart er nicht mit Ironie.

          4 Min.

          Wenn auf der Leinwand jemand im Pool abtaucht und unter Wasser verharrt, bedeutet das selten etwas Gutes. Seit Dustin Hoffmans Tauchszene in Mike Nichols’ Meisterwerk „The Graduate“ (1967) ist es sogar so etwas wie eine Chiffre für die existentielle Krise der Hauptfigur. Wenn also Bill Pohlad in seinem Film „Love & Mercy“ den Schauspieler Paul Dano baden gehen lässt und die Unterwasserkamera dessen Gesicht zeigt, ein derangiertes Milchbubigesicht, aus dem offenbar die letzten Luftbläschen entweichen, schwant auch hier Unheil, vielleicht sogar die kalifornische Krise schlechthin: nämlich die des Beach Boys Brian Wilson.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Anführer des Vokalensembles, das zu freundlicher Beatmusik mit Hits wie „Surfin’ U.S.A.“ oder „California Girls“ das prägende Bild eines „kalifornischen“ Lebensstils und auch dessen distinktiven Sound geschaffen hat, möchte nach großen Erfolgen mit diesem Konzept plötzlich keine Surfmusik mehr machen, sondern sein Innerstes vertonen. Doch das ist in den mittleren und späten sechziger Jahren ziemlich durcheinander.

          „Wie kriegen wir das Pferd hier rein?“

          Zur Poolszene wie auch oft im restlichen, farblich und modisch stilsicher inszenierten Film klimpert eine gespenstische Unterwassermusik, welche die Krise auch klanglich inszeniert – indem sie entweder als albtraumhafte Wiederkehr der bekannten Surfhits oder aber als Vorgriff auf das Kommende fungiert, um das sich dieser Film dreht: nämlich die Entstehung von „Pet Sounds“, jenes orchestralen Pop-Albums von 1966 also, das oft als Meisterwerk gefeiert wird, von manchen Musikmagazinen gar als größtes Album aller Zeiten. Aber bis es fertig ist, muss der Beach Boy noch viel leiden.

          Zwischen Pauken, Zimbeln, Geigen und exotischen zwölfsaitigen Gitarren zeigt der zu großen Teilen im Studio spielende Film den pummeligen Popstar als introvertierten Trauerkloß, der allen Zweifeln seiner Bandkameraden (besonders der Cousin Mike Love plädiert vehement für das Beharren auf alten Hit-Rezepten) und der Kritik des strengen Vaters zum Trotz seine Ideen durchsetzen will, auch wenn die Studiomusiker dort sie nicht sofort verstehen („Zwei Basslines in verschiedenen Tonarten, wie soll das gehen?“). Das gipfelt in Wilsons Wunsch nach live aufgenommenen Tiergeräuschen, der für Kopfzerbrechen sorgt: „Wie kriegen wir das Pferd hier rein?“

          Wilsons Genialität wird hier etwas zu plakativ dargestellt, es darf auch ein Satz nicht fehlen, in dem einer der Studiobosse ihm in einer ruhigen Minute auf dem Parkplatz versichert, er sei sogar noch größer als der damals wohl angesagteste Pop-Produzent Phil Spector. Aber es ist trotzdem mitreißend, gerade weil Regisseur Pohlad, nach einem kurzen Schreckmoment zu Beginn, nicht der Versuchung erliegt, das Leben des Protagonisten wie ein Musical an Wilsons Songbook entlang zu inszenieren, sondern sich eben auf den zeitlichen Ausschnitt konzentriert und ihn lebens- wie zeitgeschichtlich zuspitzt.

          Innerlich abgetaucht

          In einer Szene kommt die große Ambivalenz aller Beach-Boys-Musik zum Ausdruck: Da sitzt Brian Wilson am Flügel, der in einem Sandkasten steht, verrückterweise aufgeschüttet für dieses ewige Kind im Wohnzimmer seiner Villa, und spielt ein paar Akkorde, immer die gleichen, es könnte die Grundlage von Hunderten ähnlicher Popsongs sein. Es ist also einerseits ironisch, wenn der vormals skeptische Mike Love dazu signalisiert: Mensch, du hast da etwas Besonderes, das könnte wieder ein Hit werden! Aber das musikalische Gedächtnis verrät einem gleichzeitig eben auch unwillkürlich, was denn aus diesen Allerweltsakkorden im treibenden Boogie-Groove tatsächlich geworden ist: „Good Vibrations“ nämlich, ein hinter seiner scheinbaren Einfachheit rhythmisch und im Arrangement ausgefuchster, vielleicht wirklich genialer Popsong.

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