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Liv Ullmann zum Siebzigsten : Schreie und Flüstern

Magische Schauspielerin: Liv Ullmann wird 70 Bild: picture-alliance/ dpa

Der Wechsel von der Starrheit zum Schrei und zurück ist ein wesentliches Merkmal der Schauspielkunst Liv Ullmanns. Das hat auch der Regisseur Ingmar Bergman gespürt, an dessen Seite Ullmann zu einer großen Schauspielerin wurde. Heute feiert sie ihren 70. Geburtstag.

          Auf einem Foto von den Dreharbeiten zu Ingmar Bergmans „Von Angesicht zu Angesicht“ sieht man Liv Ullmann in einem Sarg liegen, der in einer der Albtraumszenen des Films vorkommt, und die Zeitschrift „Hollywood Reporter“ lesen. Ihr Gesicht, von dem nur die obere Hälfte erkennbar ist, lächelt nicht, aber es zeigt auch keine Spur von Anspannung. Es ist vollkommen ruhig.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dieselbe maskenhafte und herausfordernde Ruhe hat Liv Ullmann in vielen Filmen Bergmans gezeigt, zuerst und vor allem als Elisabeth Vogler in „Persona“, in der Rolle, mit der sie berühmt geworden und die bis heute ihre beste geblieben ist. Da spielt sie eine Schauspielerin, die auf unerklärliche Weise verstummt ist, nicht nur sprachlich, sondern auch in ihrer Gestik und Mimik; erst als ihre Betreuerin Bibi Andersson ihr kochendes Wasser ins Gesicht schütten will, reißt Elisabeth in Panik die Arme hoch und schreit: „Nein!“

          Dieser Wechsel von der Starrheit zum Schrei und zurück ist ein wesentliches Merkmal der Schauspielkunst Liv Ullmanns. Sie ist, das hat Bergman von Anfang an gespürt, eine der ganz wenigen Darstellerinnen im europäischen Kino, die auch in einem Stummfilm jede Facette ihrer Rolle auf die Leinwand bringen könnten, weil sie die Extreme des Ausdrucks beherrschen, ohne sich in Klamauk oder Exaltiertheit zu verlieren. „Schreie und Flüstern“, der Titel von Bergmans Film von 1972, in dem Liv Ullmann eine untreue Ehefrau und gefühlskalte Schwester verkörpert, könnte auch als Motto über ihrer Karriere stehen.

          Der Regisseur Ingmar Bergman und Liv Ullmann waren fünf Jahre lang ein Liebespaar

          „Szenen einer Ehe“

          Umso erstaunlicher war die Wandlung, die sie nach Filmen wie „Schande“ und „Passion“ in der Rolle der Marianne in „Szenen einer Ehe“ (1973) vollzog. Hier ist sie die moderne, aus erlernter Passivität zu emotionaler Selbständigkeit gelangende Frau schlechthin, und die Gelassenheit, mit der sie Erland Josephsons Erpressungsversuche ins Leere laufen lässt, spricht ebenso für Ullmanns Können wie für die Unbestechlichkeit von Ingmar Bergmans Blick: Schließlich war es auch seine eigene, fünf Jahre dauernde Liebesbeziehung zu Liv Ullmann, aus der er den Stoff für seinen Film gewann.

          Der Erfolg der „Szenen“ machte Liv Ullmann zum internationalen Star. Sie spielte in Filmen von Richard Attenborough, Mario Monicelli und Juan Buñuel mit, aber für ihre prägenden Rollen kehrte sie immer wieder zu Bergman zurück. In „Herbstsonate“ lieferte sie sich unter seiner Regie mit der greisen Ingrid Bergman einen Schlagabtausch, der zu den aufregendsten Schauspielerduellen der neueren Filmgeschichte gehört. Vor fünf Jahren trat sie dann noch einmal gemeinsam mit Erland Josephson vor Bergmans Kamera, um in „Sarabande“ die Geschichte des Ehepaares aus den „Szenen einer Ehe“ fortzusetzen. Seither hat man wenig von ihr gehört. Heute wird Liv Ullmann siebzig Jahre alt.

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