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Ausstellung „Abgedreht“ : Verfilmung ist keine Bebilderung

  • -Aktualisiert am

Mitarbeiter des Jahres 1940–41: Alfred Döblin durfte bei Metro-Goldwyn-Mayer für Hollywood schreiben, empfand dies allerdings als „Sitzhaft“. Bild: DLA Marbach

Im Deutschen Literaturarchiv Marbach läuft jetzt die Ausstellung „Abgedreht – Literatur auf der Leinwand“. Zur Eröffnung sprach Volker Schlöndorff darüber, wie er Günter Grass ausgetrickst hat.

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          Es war ein schöner Grundkurs zum Verhältnis von Literatur und Film, nicht nur für eine anwesende Schulklasse, als am Sonntagnachmittag im Deutschen Literaturarchiv Marbach zwei in diesem Thema sehr Bewanderte die Ausstellung „Abgedreht“ eröffneten: Der Filmjournalist Michael Töteberg, der jahrzehntelang die Agentur für Medienrechte bei Rowohlt geleitet hat, sprach mit dem Regisseur Volker Schlöndorff über lebenslange Erfahrungen im Metier – und Schlöndorff muss man bekanntlich nur anstupsen, um von ihm eine um die andere sehr interessante Anekdote aus seinem an Literaturverfilmungen reichen Lebenswerk zu hören.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          „Verfilmung ist keine Bebilderung“, sagte Schlöndorff, der unter anderem Robert Musils „Törless“, Heinrich Bölls „Verlorene Ehre der Katharina Blum“, Max Frischs „Homo faber“ sowie „Die Blechtrommel“ von Günter Grass verfilmt hat. Angesichts dieses Stoffes bemerkte Schlöndorff, dass der Satz „Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt“ ein starker Romanbeginn sei, sich aber für das Kino vielmehr der kaschubische Kartoffelacker nebst berockter Großmutter angeboten habe.

          Die Erste Seite von Erich Kästners Drehbuch zum „Doppelten Lottchen“ (1950)
          Die Erste Seite von Erich Kästners Drehbuch zum „Doppelten Lottchen“ (1950) : Bild: DLA Marbach

          Es ging also um die notwendige Befreiung von der Vorlage, auch etwa in der Frage, ob und wie man deren sprachliche Gewalt übertragen könne. Hier habe er einen Trick angewendet, indem er mit Jean-Claude Carrière das Drehbuch auf Französisch verfasst habe: „Damit waren wir den Stil von Grass schon mal los.“ Töteberg wollte auch noch wissen, ob etwas dran sei an dem Gerücht um einen zweiten Teil des „Blechtrommel“-Films, da der erste ja 1945 ende, das Buch aber erst 1956? Tatsächlich war das einmal geplant, sogar unter Drehbuch-Mitarbeit von Günter Grass, aber die Finanzierung scheiterte - wohl auch, so Schlöndorff, weil der schließlich doch größer gewordene Oskar Matzerath in diesem Teil der Erzählung ein „Loser“ sei, und davon seien die nicht angetan gewesen, denen man das Filmprojekt vorgestellt habe.

          Die nicht immer einfache Beziehung von Schriftstellern zum Kino entwickelt die von der neuen Marbacher Museumsdirektorin Vera Hildenbrandt kuratierte Ausstellung anhand von Archivalien und Filmausschnitten in sechs Schlaglichtern mit ganz unterschiedlichem Fokus – und unterstreicht damit, dass zu den Sammelgebieten des Archivs auch Drehbücher und Pläne für Filmprojekte zählen. Es geht in der Schau sowohl um die ästhetische Differenz, etwa zwischen Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ (1905) und dessen Verfilmung durch Josef von Sternberg als „Der blaue Engel“ (1930) oder zwischen Ingeborg Bachmanns „Malina“ und der Verfilmung Werner Schroeters (1991), als auch um Symbiosen von Text und Film wie bei Ottomar Domnicks Großstadtfilm „Jonas“ (1957) mit der Beteiligung Hans Magnus Enzensbergers und einem Jazz-Soundtrack.

          Andere Archivalien zeugen davon, wie der Film noch auf ganz andere Wiese die Rettung für Literaten bedeuten kann: Alfred Döblin erhielt, wenn auch widerwillig, in Los Angeles Schreibasyl beim Studio MGM, und Erich Kästner entkam 1945 dem bombardierten Berlin, um in Tirol zu drehen, nur zum Schein und ohne Filmrollen in den Kameras – diese Story wäre einen eigenen Film wert.

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