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Lieblingsfilme : Wer hat die zehn besten Filme gesehen?

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Raymond Chandler, der mit Billy Wilder 1944 dieses genialste aller Drehbücher geschrieben hat, war der festen Überzeugung, das Filmgeschäft sei ein „großartiger, aber kindischer Koloss“. Er werfe ein beliebiges „männliches Idol mit dem Körperbau eines Leibwächters und der Mentalität eines Hühnerwürgers“ auf die Leinwand, worauf alle Beteiligten, wenn die Zeit der Oscars nahe, in einen Stammestanz ausbrächen, während der Mob einen ohrenbetäubenden Schrei ausstoße, der klinge wie „das Schicksal, das durch eine hohle Muschel pfeift“. So ungefähr fasste es Jerome Charyn in seinem Buch „Movieland“ zusammen, das auch schon wieder fünfundzwanzig Jahre auf dem Buckel hat, aber diese Sätze sind über die Zeit hängengeblieben. Und jetzt stiegen sie in der Erinnerung hoch, während wir grüne Kohlblätter als Salat aßen, Unmengen Eiswasser nachschütteten und überlegten, ob, wenn „Double Indemnity“ auf die Liste muss, für „Some Like It Hot“, der ja auch von Billy Wilder ist, darauf noch Platz wäre. Sozusagen als weiteres Argument gegen die Hühnerwürger.

Filme haben die Fähigkeit, in unsere Phantasie einzudringen und darin über lange Zeit unbemerkt zu hausen, um plötzlich wieder in unserem Bewusstsein hochzutauchen. Sie verbünden sich mit der Sehnsucht, die Zeit solle eine Kugel sein, in der wir herumwandern können. Sie halten etwas von uns fest, das wir lange verloren gegeben haben: Gefühle von einst, einen Blick auf die Welt, der längst ein anderer geworden ist. Man kann für die Dauer eines Films eine andere werden. Filmesehen ist eine Art Seelenwanderung: Wenn sie gutgeht, wenn wir etwas finden, an dem unsere Phantasie andockt, bleibt in den Filmen etwas von uns zurück. Vielleicht ist es das, wonach wir suchen, wenn wir uns an sie erinnern. Vielleicht ist es das, was wir finden, wenn wir einen bestimmten Film für einen der besten erklären.

So gesehen, ist es natürlich ganz sinnlos zu fragen, welche Regisseure unbedingt auf unsere Liste gehören. Ohne Martin Scorsese wird es nicht ausgehen, dachte ich dennoch. Auch die Frage, ob aus Paritätsgründen bestimmte Länder vorkommen müssten, Jahrzehnte abgedeckt, Genres oder auch Schauspielerinnen bedacht werden sollten, erledigt sich. Aber es sollten neben den ganz eigenen Lieblingsfilmen schon auch solche auf der Liste stehen, die zeigen, was das Kino vermag. Zum Beispiel, wenn es um Geschichte, Grausamkeit, Katastrophe und Verbrechen geht.

Claude Lanzmanns „Shoa“ also oder „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais - ein Platz auf der Liste gehört einem dieser beiden großen Filme, deren Gegenstand der Holocaust ist. Dass mir „Nacht und Nebel“ näher ist, liegt vielleicht einfach daran, dass ich ihn zuerst gesehen und im Kino mit ihm zum ersten Mal eine Erschütterung gespürt habe, die mir bis dahin gänzlich unbekannt gewesen war. Er dauert ja nur zweiunddreißig Minuten, aber in der Erinnerung sind es Stunden, in denen ich mir nicht erlaubte, den Blick von den Bildern aus den Konzentrationslagern, von der Monstrosität der Zerstörung menschlicher Körper abzuwenden. Möglicherweise ist dies auch eine Generationenerfahrung - der erste Blick in die damals unmittelbare Vergangenheit, der seitdem alles, was politisches Bewusstsein wurde, berührt.

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