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„45 Years“ im Kino : Liebe braucht keinen Plan, aber ein Wörterbuch hilft

Gleich sagt sie ihm was: Tom Courtenay (links) und Charlotte Rampling. Bild: Piffl Medien

Zwei Liebende, die zusammen alt geworden sind, müssen einander neu kennenlernen. Trotz der Erinnerungen an die Liebe ist in Andrew Haighs „45 Years“ manches Glück zu neu, um es als Glück zu erkennen.

          3 Min.

          Wenn ein Paar mehrere Jahrzehnte lang zusammenbleibt, haben die beiden einiges erlebt, das „Geschichte“ heißen will: Sie wissen zum Beispiel, wie es ist, eine Welt zu bewohnen, auf der linksradikale Feuerköpfe schließlich Finanzdienstleister als Enkel ertragen müssen, und sie haben gelernt, dass Menschen im Laufe ihres Lebens manchmal drei Ausgaben desselben Buches von Kierkegaard kaufen, ohne beim Lesen je weiter zu kommen als bis auf Seite 10.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Durch- und Zusammenhalten, eine Beziehungsform überleben, die man zu Zeiten der letzten großen lebensreformerischen Protestbewegung als „Zweierkiste“ verniedlichte und schmähte, ist Schwerarbeit an zwei offenen Herzen gleichzeitig. Seht nur, die Alte und ihr Alter beim Bettgespräch! Hört nur, wie der leise englischsprachige Einwand „Still ...“ gegen etwas, das der geliebte Mitmensch getan oder gesagt hat, in drei Pünktchen aushaucht, die sich im Gewissen kräuseln wie dünner Rauch in der Luft.

          Erkennen heißt mit Bekanntem vergleichen

          Ich kann dir nicht wirklich böse sein, sagt Charlotte Rampling und sieht dabei aus wie ein Engel in Seelenfrührente; und das kleine Wort, das sie dem scheinbar großmütigen Satz als Stichelattachment beifügt, erinnert daran, dass Engel, wenn sie vor Urzeiten mal das Paradies bewacht haben, immer noch wissen, wie man ein Schwert gebraucht: „I can hardly be cross with something that happened before we existed, can I?“ sagt sie, aber dann eben vielleicht doch: „Still...“.

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          Die Entscheidung, ein Leben lang beieinander zu bleiben, lädt Menschen auf Dauer oft zu solchen winzigen Territorialscharmützeln ein, manchmal auch zu Schlimmerem - bis an den Punkt, an dem man den zartesten Besitz des Gegenübers im Affekt mit dem Hammer zerdeppert. Charlotte Rampling und Tom Courtenay spielen in „45 Years“ von Andrew Haigh so eine Langzeitzweisamkeit, die dem Regisseur Gelegenheit gibt, nach „Weekend“, seiner großartigen Anatomie einer neugeborenen Liebe von 2011, gleichsam als Dualkomplement dazu auch die Möglichkeit des Fortdauerns der empfindlichsten Regung zu untersuchen, die der nackte Affe kennt. In beiden Filmen geht es um Menschen, die nicht anders können, als innere Landkarten mit den äußeren Umständen zu verwechseln, die sie bewohnen, das heißt: Sie halten ihre Erwartungen („Weekend“) und Erinnerungen („45 Years“) an Liebe für deren natürliche Umgebung, wollen sie dort weich betten und müssen dann umlernen. In „Weekend“ lag das daran, dass ein Glück manchmal zu neu ist, um es als Glück zu erkennen, weil erkennen ja immer heißt: mit Bekanntem vergleichen.

          In diesem Film kreuzen sich vorwärts und rückwärts

          In „45 Years“ dagegen liegt es daran, dass zwei Liebende, wenn sie nur lange genug eine gemeinsame Geschichte teilen, darüber manchmal ganz vergessen können, dass ihre jeweiligen Einzelmenschengeschichten vom zusammen Erlebten nicht aufgehoben werden, dass es menschliche Grundeinsamkeiten gibt, die einfach daran liegen, dass wir überhaupt Individuen sind - die Aura von lasierter Sehnsucht, lädierter Gemütswärme und angegriffener Nähe, die „45 Years“ durchschimmert wie ein Dämmer, von dem man nicht weiß, ob er einen Morgen oder eine Nacht ankündigt, rührt von dieser Grundeinsicht, die sich in Andrew Haighs respektvollem Blick auf das reife Paar mit der Ahnung verbindet, dass eine Beziehung, wenn sie altert, zwar tiefer werden mag, davon aber nicht unbedingt weniger störanfällig wird. Geoff Mercer, den Courtenay als anfangs leicht fahrigen, dann zunehmend vergrübelten Mann spielt, bekommt einen Brief auf Deutsch. Er brauche ein Wörterbuch, um ihn zu lesen, sagt er. Seine Frau Kate, der Charlotte Rampling ihre ganze straffe, aber nie zähe Autorität leiht, damit man umso leichter glaubt, dass diese Frau früher Lehrerin war, ist beunruhigt: Was will dieser Brief, wer war die Frau, von deren Tod vor langer Zeit und doch relativer Unsterblichkeit in Geoffs Seele der Brief zu wissen scheint?

          Die ehemalige Lehrerin merkt, hier wird sie etwas lernen müssen, entweder mit dem Mann oder gegen ihn. Sie macht sich also einen Lehrplan, und was sie rettet, ist, dass sie den schließlich aufgibt.

          Das Leben, behauptet eine Binsenweisheit, kann man nur vorwärts leben und nur rückwärts verstehen. Die Kunst ist der Ort, wo diese beiden Richtungen einander kreuzen - in Filmen wie diesem oder in „Our Souls at Night“, dem eben erschienenen bewegenden letzten Buch von Kent Haruf. Man sagt von solcher Kunst manchmal, sie sei herzzerreißend. „45 Years“ zerreißt nichts. Hier werden die Herzen, statt sie zu zerreißen, ganz vorsichtig aufgetan, wie Türen, die lange verschlossen waren. Sie knarren ein wenig, beim Öffnen. Aber ist das nicht Kammermusik?

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