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„Licorice Pizza“ im Kino : Traumfrau mit Lastwagenführerschein

Diese Liebe ist kein Spaziergang: Gary (Cooper Hoffman, links) und Alana (Alana Haim) Bild: AP

Ein Lichtblick im Grau des Pandemiewinters: Der Film „Licorice Pizza“ von Paul Thomas Anderson macht alles richtig.

          3 Min.

          Der Film „Magnolia“, der die Geschichten von neun Menschen an einem Tag in Los Angeles erzählt, setzte das Motto übers weitere Werk seines Regisseurs: „Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns.“ Paul Thomas Anderson, der diesen Film 1999 drehte, bewies damals, dass er in die erste Liga amerikanischer Regisseure gehört. In Los Angeles aufgewachsen, beschäftigte er sich in seinen Filmen immer wieder mit diesem Ort. Dass die Vergangenheit noch nicht mit ihm abgeschlossen hat, scheint sich nun in seinem neuesten Film „Licorice Pizza“ zu bewahrheiten, denn er führt zurück ins Los Angeles seiner Kindheit, in die frühen Siebziger.

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Im nun schon gewohnten, über die eigenen Geschichten immer leicht verwunderten Anderson-Tonfall erzählt „Licorice Pizza“ die Geschichte von Gary Valentine, einem ehemaligen Kinderstar, der einmal ein erfolgreicher Filmproduzent werden wird, zwischendrin jedoch mit Wasserbetten und Flipperautomaten großes Geld machen will. Angelehnt ist die Figur an Andersons Jugendfreund Gary Goetzman (heute erfolgreicher Produzent, unter anderem von „Das Schweigen der Lämmer“). Da es aber kein Biopic, sondern eine Hommage an das Lebensgefühl jener Jahre sein soll, lässt Anderson seinen Gary zwischen Hippiebewegung und Ölkrise die Liebe entdecken.

          Wir treffen Gary erstmals mit 15 Jahren, als er fürs Foto im Abschlussbuch Schlange steht und als Einziger von der Fotoassistentin Spiegel und Kamm annimmt. Als Kinderdarsteller weiß er um die Wirkung guter Fotos. Der Griff zu Spiegel und Kamm dient aber in erster Linie dazu, Alana anzusprechen. Die junge Frau ist Mitte 20, hasst ihren Job im Fotoatelier, hat aber noch keine Ahnung, was sie sonst mit ihrem Leben anfangen könnte. Das alles wird sie dem zehn Jahre jüngeren Gary bei einem Date erzählen, zu dem er sie sofort eingeladen hat. So wie sie sich am Abend im Restaurant wundert, warum sie die Einladung überhaupt angenommen hat, wundert man sich, warum die Geschichte dieser beiden, die sich sofort mögen, aber noch nicht finden können, überhaupt funktioniert. Dass man ihnen also 133 Minuten beim Flirten, Necken, Stolpern so gern zusieht, liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern.

          Anderson ist seinen Leuten treu, dreht immer wieder mit den gleichen Schauspielern. Einer, der seit dem Regiedebüt „Hard Eight“ (1996) zum Stammensem­ble gehörte, war Philip Seymour Hoffman – seine Rolle in Andersons Kriegsveteranen-Psychodrama „The Master“ (2012) brachte ihm eine Oscarnominierung ein. 2014 verstarb Hoffman viel zu jung. In „Licorice Pizza“ geht Andersons Treue jetzt in der zweiten Generation weiter, denn die Hauptrolle des Gary spielt Cooper Hoffman, der Sohn des Verstorbenen. Wenn die Kamera in der Nahaufnahme dessen Gesicht abtastet, ertappt man sich kurz dabei, wie man es mit den Erinnerungen an den Vater überblendet und sofort nach Gemeinsamkeiten sucht. Die zeigen sich vor allem am großen Talent dieses Achtzehnjährigen. Die Figur Gary macht es ihm ja nicht leicht, sie ist eigentlich viel zu selbstbewusst für ihr Alter, darf aber dabei nicht arrogant wirken, und so gibt Hoffman ihm eine Sanftheit, die besonders dann zutage tritt, wenn er Alana anschaut und seine Augen davon erzählen, dass er diese Frau erobern will, aber auch so lange warten kann, bis sie sich für ihn entscheiden wird.

          Alana Haim zieht den Rest des Films an sich

          Andere Filme tappen an dieser Stelle in die Manic-Pixie-Dream-Girl-Falle, das heißt, sie machen „das Mädchen“ zur reinen Projektionsfläche für den Helden und seine Sehnsüchte. Andersons Drehbuch ist klüger, seine Besetzung auch. Alana Haim, Sängerin der Popgruppe „Haim“, zieht mit rauer Energie den Rest des Films an sich, gibt Gary permanent Kontra, hilft als Komplizin, seine schrägen Geschäftsideen durchzusetzen, bricht aber auch immer wieder aus, um ihr eigenes Leben zu gestalten. Das wird etwa im Vorsprechen bei einer Castingagentin klar, zu dem Gary sie begleitet. Auf die Frage, welche Hobbys sie habe, sagt Alana: „Krav Maga.“ Ob das so was wie Karate sei, fragt die irritierte Agentin. „Na ja, eher die Fähigkeit, jemandem mit einem Stift den Augapfel zu entfernen“, antwortet Alana und lächelt: „Mein Vater war in der israelischen Armee, wir können das zu Hause alle.“ Die Kamera fängt in diesem Moment Garys Blick auf: Überraschung, gepaart mit größter Bewunderung.

          Der Chef trägt weiß: Gary (Cooper Hoffman) bei der Eröffnung seiner ersten Spielhalle.
          Der Chef trägt weiß: Gary (Cooper Hoffman) bei der Eröffnung seiner ersten Spielhalle. : Bild: Melinda Sue Gordon

          Regie und Kamera wissen, was sie da vor sich haben, Hoffman und Haim könnten den Film allein tragen, tun es über weite Strecken auch. In den Abenteuern dieses langen kalifornischen Sommers werden alle anderen zu Nebenfiguren: Sean Penn schlendert als Karikatur des Schauspielers William Holden ins Bild, der Alana erst verführen will, dann von Tom Waits (als Hommage an den Regisseur Mark Robson) zur Motorrad-Mutprobe überredet wird; Bradley Cooper wütet als Barbra Streisands Lover Jon Peters im weißen Anzug durch Los Angeles; John C. Reilly winkt im „Herman Munster“-Kostüm, und Maya Rudolph schneidet als Castingagentin Gesichter, die mehr sagen als Dialogzeilen.

          Kann man bei alldem auch noch clevere Regieeinfälle erwarten? Durchaus – wer kein Herz für Teenager-Liebeskomödien hat, wird mit der wahnsinnigsten Autofahrt durch die Hügel des San Fernando Valley beschenkt, die das Kino bislang erlebt hat – rückwärts, im Lkw, ohne Gas zu geben. Natürlich sitzt Alana am Steuer. Danach liebt man sie noch ein bisschen mehr und weiß, dass dieser Film genau das ist, was der endlose Pandemiewinter gebraucht hat.

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