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„Les Misérables“ im Kino : Das Auge des Gesetzlosen

  • -Aktualisiert am

Nah am Abgrund: Szene aus Ladj Lys Film „Die Wütenden – Les Misérables“ Bild: Wild Bunch

Im äußersten Fall ist auch scharfe Munition erlaubt: Der Kinofilm „Die Wütenden – Les Misérables“ zeigt eindrucksvoll die Spannungen zwischen aufbegehrenden Jugendlichen und den Ordnungshütern in einem Pariser Vorort.

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          Der Neue kommt aus Cherbourg, also aus der Provinz. Er kann natürlich keine Ahnung davon haben, wie es in Montfermeil zugeht, einer dieser Gemeinden im Umland von Paris, in denen der Alltag von „Brutalität“ gekennzeichnet ist. So sieht das jedenfalls Chris, ein Polizist der BAC, der „Brigade anti-criminalité“. Er soll mit seinem Kollegen Gwada den Neuen mit den Verhältnissen vertraut machen. Eigentlich heißt der ja Stéphane, aber weil er seine Haare mit viel Gel nach hinten runter flachlegt, hat er schnell einen Spitznamen: „Pomado“ lautet die Übersetzung in den deutschen Untertiteln. Stéphane sitzt im Auto hinten, er sieht sich die Sache erst einmal an, mit einem Blick, den man nicht leicht deuten kann: Ist das unbefangene Neugierde oder eine Art Begriffsstutzigkeit? Oder ist Stéphane eben doch eingeschüchtert von dieser Welt, die sich den geläufigen Gesetzen zu entziehen scheint?

          Das mit den Gesetzen ist nämlich der Punkt. Chris, Gwada und Stéphane sind die Vertreter des Staats in einer Gegend, in der die Leute vieles lieber untereinander ausmachen. Das Stichwort von der Parallelgesellschaft taucht in Ladj Lys Film „Die Wütenden – Les Misérables“ gleich zu Beginn implizit auf, als Chris erläutert, wer sich in Montfermeil um was kümmert: Die Muslimbrüder haben den Drogenhandel deutlich in die Schranken gewiesen, allerdings werden die jungen Männer stattdessen aufgefordert, in die Moschee zu kommen. Und dort hören sie nichts von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

          Ein Schmelztiegel vieler Kulturen

          Der Regisseur kommt aus der Gegend. Er wuchs in Montfermeil auf, und er wurde dort auch zum Filmemacher, indem er die allgegenwärtige Gewalt zu dokumentieren begann. In „Les Misérables“ gibt es einen Jungen namens Buzz, der mit seiner ferngesteuerten Drohne vor allem die offenen Fenster sucht, die vielleicht einen Blick in die Zimmer von Mädchen erlauben. Er ist aber auch so etwas wie das Auge über der Stadt, und tatsächlich wird die Speicherkarte seiner Drohnenkamera zu einem wichtigen Faktor in der Geschichte von „Les Misérables“.

          Die drei Polizisten – einer weiß, einer afrikanischen Typs und Stéphane mit iberischem Einschlag – geben für Ladj Ly das Maß des Durchblicks vor. Sie gehören einer Einheit an, deren Mitglieder keine Uniformen tragen. Stéphane bezeugt auch dadurch seine Unerfahrenheit, dass er die Armbinde trägt, die ihn ausweist, wenn er in eine Dönerbude geht, um dort eine lokale Autorität zu befragen. „Die kennen uns auch so“, sagt Chris und lässt damit anklingen, dass die Polizei in Montfermeil nicht nur Kriminalität bekämpft, sondern auch so etwas wie Feldforschung betreibt. In einer hochkomplexen Gesellschaft, in der sich die französische Kolonialgeschichte und die Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts deutlich eingeschrieben haben.

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