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Lena Odenthal : Die Mutter aller "Tatort"-Kommissare

  • -Aktualisiert am

Lena Odenthal, die schweigsame „Tatort”-Kommissarin, in „Gefährliches Schweigen” Bild: SWR/Krause-Burberg

Lena Odenthal löste vor fünfzehn Jahren als "Die Neue" vom Sittendezernat ihren ersten „Tatort“-Fall. Zum Jubiläum kehrt sie ins Fahrwasser der "Sitte" zurück. Diesmal scheint der Freier ermordet worden zu sein.

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          Eine alte Detektivregel sagt, daß Verbrecher an den Ort ihrer Tat zurückkehren. Ähnliches gesteht man in der "Tatort"-Reihe auch Polizisten zu. Lena Odenthal, die Dienstälteste der amtierenden Kommissare, löste vor fünfzehn Jahren als "Die Neue" vom Sittendezernat ihren ersten Fall: Vergewaltigung und Mord. Zum Jubiläum an diesem Sonntag schließt sich jetzt der thematische Kreis, und sie kehrt in das bekannte Fahrwasser der "Sitte" zurück - doch diesmal scheint der Freier ermordet worden zu sein.

          Der ältere Beamte Manfred Depke wird tot in seinem Auto gefunden. Rasch führen die Nachforschungen von Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihrem Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe) zu einer Wohngemeinschaft, in der vier psychisch labile Mädchen von einer Sozialarbeiterin (Bibiana Beglau) betreut werden. Der Ermordete war dort mehr als nur der nette Nachbar, der öfter einige Kleinigkeiten im Haus repariert hat. Wollte er seinen Erpressern kein Geld mehr zahlen, oder hat eines der Mädchen ihn umgebracht?

          Lena Odenthal stößt an ihre Grenzen

          Im Dunstkreis dieser kleinen Schicksalsgemeinschaft ausgesetzter Seelen, die durch Repression, Angst und Willenlosigkeit gelähmt sind, treffen die Kommissare auf weitere Verdächtige. Kleinkriminelle, Zuhälter und Drogendealer profitieren von den ziellos durchs Leben getriebenen Mädchen, deren Wohnungstür immer offensteht. Während Kopper sich während der Ermittlungen vor allem für die energische Sozialarbeiterin begeistert, versucht Odenthal, das "Gefährliche Schweigen" zu brechen, bevor eines der Mädchen zum Opfer wird. Dabei stößt sie so deutlich wie noch nie in ihrer Karriere an ihre Grenzen.

          Denn nicht nur das Schweigen, sondern auch das Reden ist für die Mädchen gefährlich. "Wenn ihr den Kerl auch noch selbst ins Haus laßt!", lautet der lakonische Kommentar, mit dem eine Polizistin die Anzeige wegen Vergewaltigung abschmettert. In der darauffolgenden Nacht wird das Mädchen zur Abschreckung zusammengeschlagen - weitere Anzeigen sind nicht erwünscht. Angst, Wut und Scham eskalieren.

          Verletzlich und ratlos wie selten

          Es sind meist die kleinen, eher unscheinbaren Fälle, in denen Lena Odenthal ihre Fassung verliert. Hier werden keine Millionen verschachert oder weitverzweigte kriminellen Netze aufgedeckt. Es ist die alltägliche und völlig unspektakuläre Gewalt in der Grauzone der Freundschaft - ein offenbar zu harmloses Thema für viele Krimiserien -, das in diesem "Tatort" zu einem ausweglosen Psychodrama verdichtet wird. Bei ihrem ersten Drehbuch schöpft die Autorin Annette Bassfeld-Schepers aus dem Alltag der eigenen Erfahrungen in ihrer psychologischen Praxis und zeichnet, gemeinsam mit Regisseur Martin Eigler, das authentische Bild der Wegschauer, der Kleinmütigen und Kleingehaltenen in einer verrohten Gesellschaft.

          Verletzlich und ratlos wie selten in ihrer fünfzehnjährigen Dienstzeit wird die Kriminalhauptkommissarin in dieser Folge gezeigt. Die Mischung aus Verachtung und Mitleid, die sie bisher gegenüber den großen Fischen meist durch ihren spöttischen Blick und bissige Kommentare ausdrückte, bricht hier als hilflose Wut hervor: "Das Schwein mach' ich fertig!" Sie konnte ihr Wort gegenüber der siebzehnjährigen Nadine nicht halten, sie vor weiteren Übergriffen zu schützen. Denn Lena Odenthal kämpft nicht nur gegen die Täter, sondern gleichzeitig gegen die Abgestumpftheit ihrer Kollegen, die sich im Laufe der Dienstjahre in rüden Zynismus verwandelt hat.

          Unterhaltsam, amüsant oder charmant war sie nie

          Es muß diese Unbedingtheit und völlige Distanzlosigkeit gegenüber ihren Fällen sein, die Ulrike Folkerts als Lena Odenthal zur beliebtesten Kommissarin im deutschen Fernsehen gemacht haben. Denn unterhaltsam, amüsant oder auch nur ein klein wenig charmant war sie nie. Die verschwiegenste aller "Tatort"-Kommissare verkörpert die rauhe Liebenswürdigkeit der Stadt, für die sie arbeitet. "Wir haben uns an Lena gewöhnt", meint in passend spröder Anerkennung Eva Lohse, die Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen. Von glänzender Fassade und schmeichelnden Worten hält man hier nicht viel.

          Daß Lena Odenthal nach etlichen wechselnden Assistenten und minimalen Interessebekundungen für einige wenige Männer endlich neben ihrem Kater Mikesch eine weitere Konstante in ihrem Leben hat, ist der von Andreas Hoppe mit großer Präsenz gespielten Rolle des Mario Kopper zu verdanken. Als ungeliebter Gehilfe 1996 eingeführt und mittlerweile zum geduldeten Mitbewohner aufgestiegen, bringt er regelmäßig als inkompetenter Heimwerker die Wohnung in Unordnung. Als vermittelnde Instanz zwischen der am Absoluten orientierten Kollegin und den beständigen Schwächen ihrer Mitmenschen lockt er aber auch aus Lena weiche Züge hervor, besonders in dieser Folge. "Kannst du das machen? Ich schaff' das nicht", ist aus ihrem Mund schon fast einer Liebeserklärung gleichzusetzen. Auch wenn sich thematisch zum Jubiläum ein Kreis schließt, so öffnet sich die Figur der Kommissarin doch nicht zuletzt wegen Mario Kopper - und läßt viel Spielraum für die kommenden fünfzehn Jahre.

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