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Film „Stasikomödie“ : Liebe, Spitzelei und Frömmigkeit

Das kommt später alles in die Stasi-Akte: Henry Hübchen (links) und David Kross in Leander Haußmanns „Stasikomödie“ Bild: Constantin Film

Geht es um Bespitzelung oder geht es um Liebe? Leander Haußmanns Film „Stasikomödie“ ist leider an seinen eigenen Ideen vorbeigedreht.

          3 Min.

          Wenn ein junger Mann wartend an einer verlassenen Kreuzung steht und in der grellsten Sonne ein Steppenläufer über die Straße rollt, dann liegt für eine solche Filmszene die Genrezuschreibung „Western“ auf der Hand. In Leander Haußmanns „Stasikomödie“ führt dieses Aufrufen genretypischer Bilder jedoch genauso auf Abwege wie der Filmtitel. Statt einer Komödie, die sich mit den Machenschaften der Stasi auseinandersetzt, hat Haußmann eher einen Liebesfilm gedreht. Die Staatssicherheit der DDR dient nur als grobes Instrument, das dazu da ist, den jungen Mann an der verlassenen Kreuzung ins Abenteuer des Herzens zu stürzen.

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Wo das endet, sieht man gleich zu Beginn: Da läuft Jörg Schüttauf als deutlich gealterte Version jenes jungen Mannes durch Berlin; mittlerweile ist er ein gefeierter Autor, gilt rückwirkend als DDR-Oppositioneller und hat seine Stasiakte zur Einsicht angefordert. Zu Hause in der großen Altbauwohnung wartet schon die ganze Familie in Ostalgiestimmung mit Halorenkugeln und Spreewaldgurken, um die Enthüllungen der Akte zu feiern.

          Statt Hinweisen auf ehemalige Kundschafteraktivitäten fällt jedoch ein Brief als Zeugnis einer lange vergessenen Affäre aus der Pappdeckelklammer heraus. Die Ehefrau wird eifersüchtig, die erwachsenen Kinder sind peinlich berührt, der Mann stürmt aus der Wohnung. Es folgt die Rückblende, ein Wehen des entsättigten Schleiers alter Farbfilme, zurück zur Kreuzung, wo sich das Leben von Ludger Fuchs, so der Name des jungen Mannes, für immer wandelte.

          Das Warten am Berliner Leninplatz ist ein Test, denn die Kreuzung wird von der Stasi überwacht. Wer trotz ewiger Rotphase brav stehenbleibt, ist rekrutierbares Material. Und so landet Ludger Fuchs (David Kross als tapsige Naivität in Person) vor einem raubeinigen Stasioffizier mit Herz (Henry Hübchen mit Cognacröte auf den Wangen und nikotinsuchtgelben Zähnen), der ihm den Auftrag gibt, die dekadente Kunstszene im Prenzlauer Berg zu unterwandern.

          Für Fuchs heißt das in erster Linie: Partys in einer Schwulenbar, improvisierte Drogencocktails mit Tollkirsche und Stechapfel und Frauen, die gern ein Leben als Muse fristen möchten. Weil er immer so viel an der Schreibmaschine sitzt, hält man ihn schnell für einen Schriftsteller, und irgendwann nehmen auch seine Berichte den Weg in Richtung anspruchsvolle Prosa.

          Mielke als August mit Perücke

          Wer da eine kritisch-witzige Metapher vermutet, schürft schon zu tief. Politisch wie humoristisch bleiben die Ideen, die dieser Film mehr arrangiert als inszeniert, eher flach. Man führt Diskussionen über offene Beziehungen, die genauso gut, wo nicht besser in eine westliche Hippie-WG der späten Sechziger gepasst hätten, wenn die Musenfrau schreit: „Du hast nichts begriffen, nicht Sartre und nicht Beauvoir.“ Wenn der erschrockene Fuchs in den Keller der Stasibehörde geführt wird, um dort seine Beförderung zu bekommen, lacht Hübchen ihm ins verdatterte Gesicht: „Haben Sie gedacht, dass Keller nur zum Verhören da sind?“ Seinen Höhepunkt erreicht der Klamauk, wenn Bernd Stegemann sich in der Rolle des Stasiministers Erich Mielke bei einem Kostümball als August der Starke in Perücke und Goldweste auf ein Holzpferd hieven lässt. Das Kostümspektakel stellt obendrein einen Metaverweis aufs Schaffen des Regisseurs selbst dar, ist der Historienball doch inspiriert von der DDR-Fernsehserie „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“, in der Haußmann 1987 eine erste Darstellerrolle hatte.

          Nun könnte man mit den Schultern zucken und das Ganze als eine weitere deutsche Komödie mit seichtem Humor abtun, wäre da eben nicht zum einen das von Haußmann im Titel versprochene Stasithema und, davon angerufen wie ein Teufel von einer Beschwörung, die Frage, wie unkritisch man mit der historischen Tatsache der gegenseitigen Bespitzelung riesiger Teile einer inzwischen nicht mehr existierenden Gesellschaft umgehen kann und darf.

          Vorsicht, Muse: Deleila Piasko als Nathalie
          Vorsicht, Muse: Deleila Piasko als Nathalie : Bild: Constantin Film

          Vor diesem Hintergrund bekommt die Unschlüssigkeit der Regie darüber, was der Film nun eigentlich erzählen will, eine andere Note als die der bloßen Unfähigkeit. Dass man ohne jeden nostalgischen Blick Filme über ehemalige DDR-Agenten drehen kann, zeigte zuletzt die Spionagekomödie „Kundschafter des Friedens“ (2017).

          Haußmann jedoch vertraut seinem gewählten Genre nicht, spannt es für ein anderes ein, aber erarbeitet keine Pointe, die in einer Beziehung zwischen diesen beiden Genres stecken könnte.

          Statt der Geschichte vom Spion erzählt er also das alte Märchen vom Jungen, der ein Mädchen trifft und dann eben noch ein Mädchen trifft und sich dann irgendwie zwischen diesen tollen Frauen entscheiden muss. Das weder die eine noch die andere viel Persönlichkeit zeigt, liegt nicht an den Schauspielerinnen, sondern an den zu Karikaturen überspitzten Figuren dieses Films. Einzige Ausnahme davon ist Ludger Fuchs, dessen Charakter die ironische Wende durchlebt vom Spitzel, der vorgibt, Künstler zu sein, hin zum Künstler, der vorgibt, Spitzel zu sein.

          Dass Haußmann zu freundlich mit seinen Problemthemen umgehe, bemängelte manche Kritik schon bei „NVA“ (2005), einer Komödie über das Leben in der Nationalen Volksarmee der DDR. Dem Ton, den er in diesem Film sowie in „Sonnenallee“ (1999) anstimmte, bleibt Haußmann im dritten Teil seiner DDR-Trilogie treu. Neu ist aber, dass die Atmosphäre am Ende schon ins Märchenhaft-Phantastische abgleitet.

          Da wird ein Stasimitarbeiter vom Kirchenglockenläuten plötzlich fromm, da fliegt ein anderer nach einer Gasexplosion mit Engelsschweif in den Berliner Nachthimmel, da singt ein Chor mit Reinhard Meys „Gute Nacht, Freunde“ den Mauerfall herbei. Man wünscht sich, wenn es schon so zugeht, dann fast noch mehr Pathos dieser Art und vielleicht noch den Mut, das Märchen mit dunklen Zwischentönen zu brechen. Aber das Märchen genügt sich selbst, wenn schon nicht dem Thema.

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