https://www.faz.net/-gqz-7xwfg

Im Kino „Norte“ : Verbrechen und Strafe auf den Philippinen

  • -Aktualisiert am

Sitzt in schwerster Gewissensnot: Archie Alemania. Bild: CapFSD/face to face

Der Film „Norte, the End of History“ von Lav Diaz porträtiert mit seinen Protagonisten die philippinische Gesellschaft. Dostojewski steht Pate und das evozierte Ende ist vieldeutig.

          3 Min.

          In dem kleinen Garten von Joaquin und Eliza lebt ein Schwein. Es ist nicht besonders fett, weil es nicht ausreichend zu fressen bekommt. Es wird also auch nicht sonderlich viel einbringen, wenn es verkauft wird. Das Schwein ist so etwas wie das Sparbuch der Familie, nun geht es an die Reserven, denn Joaquin hatte sich vor einer Weile am Fuß verletzt, seither stehen er und seine Frau in der Schuld von Magda, einer Frau, der man ansieht, dass sie ausreichend zu essen bekommt. Magda ist fett, fast könnte man meinen, sie trüge all das als Speckschicht am Körper, was sie den armen Leuten ihres Viertels durch Wucher und Pfandleihe genommen hat.

          In dem Film „Norte, the End of History“ von Lav Diaz ist Magda eine Schlüsselfigur, auch wenn sie nur zwei längere Szenen hat. Sie steht für die Verbindung verschiedener sozialer Schichten auf den Philippinen, denn in ihrem Haus gehen nicht nur die einfachen Leute aus und ein, die mit ihren Wertsachen oder einfach als Bittsteller kommen. Hier verkehrt auch ein Intellektueller wie Fabian, einer der begabtesten Studenten der Rechte, der aber mit seinem Talent nicht so richtig gedeihlich umgeht. Fabian ist ein Zyniker und ein Schwätzer. Er faselt viel vom dem Zeug, das aus der oberflächlichen Lektüre neuerer französischer Philosophie hängen bleibt.

          Die russische Verwandtschaft

          Vor allem aber träumt er von einer unerhörten Tat. Er möchte „beyond anything“ gehen, das heißt konkret: er möchte jemanden töten, er möchte sich über Gut und Böse erheben und sich als Un- und Übermensch zugleich erweisen.

          Aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“, der hier Pate steht, wissen wir, dass dieser Typus überspannter Jugendlicher häufig in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation besonders gut gedeiht – nämlich in einer, die Wohlstand und Stillstand verbindet, ein halbwegs gedeihliches Auskommen mit einem Mangel an Perspektive. Das führt dann manchmal zu einer Übersprungshandlung, wie auch Fabian eine begeht – ein geplanter Mord, der im entscheidenden Moment dann doch einfach ein unverständlicher, grausamer Akt ist.

          Weil Joaquin kurz vorher bei Magda gewesen war und sie wegen eines Rings attackierte, den seine Frau Eliza versetzt hatte, ist er und nicht Fabian der unmittelbar Tatverdächtige. Und weil die philippinische Justiz für die Armen ein schwer zu durchschauendes System ist, wird Joaquin für einen Mord verurteilt, den er nicht begangen hat, während Fabian mit seinem Gewissen allein bleibt.

          In der Subsistenzfalle

          Das ist ungefähr der Ausgangspunkt des Films „Norte, the End of History“, dessen Titel mehrdeutig ist. Ein Motiv findet er darin, dass die Haftanstalt, in die Joaquin überstellt wird, im Norden liegt. Ein anderes ergibt sich daraus, dass in den Nachrichten von einer chiliastischen Bewegung die Rede ist, die in einer anderen Region der Philippinen das Ende dieses Äons herbeisehnt, und deswegen die staatliche Ordnung und ihre Organe ablehnt. Für den Filmemacher Lav Diaz, der sich seit vielen Jahren sehr prinzipiell in immer neuen Großerzählungen mit der Befindlichkeit seines Landes beschäftigt, steckt in der Vorstellung von einem Ende der Geschichte ein eklatanter Widersinn.

          Denn was ginge denn konkret zu Ende? Die Philippinen haben, seit sie sich vor ein wenig mehr als hundert Jahren als Nation konstituiert haben, noch gar nicht richtig angefangen, geschichtlich zu werden. Die Menschen kommen aus den Mühen der täglichen Subsistenz nicht heraus, der Staat steckt in Korruption und organisierter Gewalt fest, die kolonialen Strukturen sind allgegenwärtig.

          Vor zehn Jahren ging Lav Diaz mit „Evolution of a Filipino Family“ zum ersten Mal auf das Ganze einer Geschichte, die zugleich als Nationalerzählung wie als Seifenoper, als reflexive Historiographie von unten wie als populäres Identifikationsmaterial gelten konnte. Es war ein Film, der auch mit seiner Länge die lange Dauer des täglichen Auskommens gegenüber den bedeutenden Ereignissen privilegierte.

          Gegensätze, die sich in Ideologie auflösen

          Im Weltkino markierte Lav Diaz damit einen Grenzfall, mit dem er die Möglichkeiten von Video auf eine Weise produktiv machte, die den Betrieb zugleich überforderte. Eine Weile gab es „Evolution“ nur in Form einer einzigen, sich allmählich abnutzenden Beta-Kopie, die mit ihrem Urheber um die Welt reiste.

          Seither hat der 1958 in dem umkämpften Bundesstaat Mindanao geborene Lav Diaz eine Reihe von weiteren, langen Filmen vorgelegt, zuletzt „From What is Before“, eine Erzählung aus den Anfängen des brutalen Marcos-Regimes. Dass nun ausgerechnet „Norte“ ins Kino kommt, hat auch mit praktischen Gründen zu tun: einer vergleichsweise überschaubaren Länge (vier Stunden), einer relativ linearen Erzählung, einer deutlich auf Repräsentativität zielenden Erzählung. Fabian und Joaquin sind wie Brüder, die anfangs nichts voneinander wissen, und sie stehen auch dafür, dass die philippinische Gesellschaft von Gegensätzen durchzogen wird, die sich unentwegt in Ideologie auflösen – sektiererische Religion, zynische Geschichtstheorie – oder in selbstquälerische Vereinzelung.

          Dass Lav Diaz selbst so etwas wie eine Kultivierung eines „Lebens in Gefangenschaft“ andeutet, nicht nur in der Figur von Joaquin, ist eine kontroverse Pointe, die wohl damit zu tun hat, dass er auch für die Figur von Fabian nach einer Erlösung sucht. So verbinden sich schließlich ästhetische Ideen, moralische Hybris und politische Geschichte zu einem prekären, mehrfachen Schlussbild, das letztlich den Titel des Films pointiert kommentiert: Das „Ende der Geschichte“ besteht in der Herausforderung, sie beginnen zu lassen.

          Weitere Themen

          Ein hochriskanter Migrationsfilm

          Max Ophüls Filmpreis : Ein hochriskanter Migrationsfilm

          Das bedeutendste deutsche Nachwuchsfilmfestival hat dem Kinodrama „Borga“ von York-Fabian Raabe den Max-Ophüls-Preis zuerkannt. Das Werk mobilisiert alle ästhetischen Mittel des Erzählkinos, aber ist das fürs Thema genug?

          Topmeldungen

          Der Hauptangeklagte im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke, Stephan Ernst (rechts), mit seinem Anwalt  am Tag der Urteilsverkündung

          Urteil im Lübcke-Prozess : Es war mehr als Mord

          Das Urteil im Lübcke-Prozess ist angemessen. Über die Sühne für die Tat hinaus sind jedoch weitere Konsequenzen nötig. Nichts lässt sich ungeschehen machen, aber Läuterung ist möglich.
          In der Schusslinie: Kölner Erzbischof Woelki könnte in einem Missbrauchsfall besser im Bilde gewesen sein, als er zugibt (Archivbild).

          Missbrauch in der Kirche : Verantwortliche ohne Namen

          Hat der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki 2015 einen Missbrauchsfall vertuscht? Der Verdacht wurde nach Rom gemeldet. Doch der Vatikan ließ die selbstgesetzte Antwortfrist verstreichen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.