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Filmemacher Volker Koepp : Der Geist der Ostsee

Die Ostsee: ein Meer der Vielfalt von Völkern, Sprachen, Glaubens- und Lebensweisen. Szene aus dem Film „Seestück“ von Volker Koepp. Bild: Vineta Film

Reflektierte Romantik: Volker Koepp durchstreift in seinen Filmen das Mittelmeer des Nordens. Der Mensch ist dort nie das Maß aller Dinge gewesen. Schlimm zugerichtet wird die Landschaft dort aber trotzdem.

          Seit der Romantik hat Kunst ihre Naivität verloren und weiß, was sie tut. In derselben Bewegung, in der sie Gestalt gewinnt, denkt sie über sich selbst nach. August Wilhelm Schlegel und sein Bruder Friedrich haben die transzendentale Wende in der Philosophie Immanuel Kants auf die Kunst übertragen: Kunst machen heißt immer auch, über die Bedingungen der Möglichkeit von Kunst zu reflektieren.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Film „Seestück“ von Volker Koepp beginnt vom ersten Augenblick an mit einer solchen Reflexion, indem der den Blick konfrontiert mit dem, was diesem Blick vorausliegt, den Bedingungen der Möglichkeit des Sehens nämlich. Es ist ein Sehen, das durch die Kunst schon hindurchgegangen ist, ein Sehen, das in einer langen Wirkungsgeschichte der Wahrnehmung steht. Gut eine Minute lang fährt die Kamera von Uwe Mann die Linie ab, die das Bild genau in der Mitte zwischen Himmel und Meer teilt. Nur kurz wird der menschenleere See- und Luftraum von der Einblendung des Titels „Seestück. Ein Film von Volker Koepp“ überlagert, dann verschwindet er ganz. Nachgereicht wird, was dem Bild, bevor es Bild wurde, voranging: das Wort des Dichters. Es ist der Schwede Tomas Tranströmer: „Unendlich hoch stehen die Wolken. An den Wurzeln des Himmelsbaums wühlt das Meer, zerstreut und wie auf etwas lauschend.“

          Lange bevor Volker Koepp alle Ufer der Ostsee bereisen konnte, trug er ein Bild von ihnen in sich. Es war das Bild, an dem Dichter wie Johannes Bobrowski, Willibald Alexis und Theodor Fontane, an dem aber auch Maler wie Caspar David Friedrich gearbeitet hatten. Landschaft, darauf hat uns der Geobotaniker und Pflanzenökologe Hansjörg Küster in den letzten Jahren eindringlich hingewiesen, sind nicht nur die feststellbaren Daten von Geologie, Vegetation und Klima. Landschaft – das sind Erzählungen, die wir von ihr gehört haben; Erinnerungen, die wir mit ihr verbinden; Bilder, die von ihr gemalt wurden; Lieder, die wir über sie singen; Gefühle, die sie in uns auslöst. „So ist jede Landschaft“, schreibt Küster in seinem schönen Buch „Deutsche Landschaften“ von 2017, „nicht allein durch Natur, sondern immer auch durch Kultur bestimmt, aber nicht unbedingt deshalb, weil Menschen jede Landschaft veränderten, sondern weil sie das Land, auf das sie blicken, mit einer Idee verbinden. Jede Idee ist ein Stück Kultur, und die Idee einer Landschaft ist deren stabilste Komponente.“

          Volker Koepps Filme – und „Seestück“ in besonderer Weise – sind Reflexionen über diese Haltbarkeit der Ideen von Landschaft. Die Landschaften rund um die Ostsee und die Landschaften Sarmatiens, dieses alten Landes zwischen Weichsel und Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer, die Koepp mit seiner Seele sucht wie Goethes Iphigenie das Land der Griechen, diese Landschaften behaupten sich als Idee gegen die Bedrohung ihrer Gestalt, gegen die Verschmutzung und zerstörerische Ausbeutung ihrer natürlichen Grundlagen.

          Touristische Gefühle haben ihren Preis

          Auch in „Seestück“ erfahren wir, dass Natur viel wandelbarer ist als das Bild, das wir von einer Landschaft in uns tragen. Denn am Kap Kolka, an der lettischen Küste, macht die Kraft des Meeres menschliche Bauten zu Ruinen und verändert die Küstenlinie von Tag zu Tag. Schon Landkarten, schreibt Hansjörg Küster, seien von Kunstwerken kaum zu trennen, weil sie ein Bild von Landschaft festlegen, das es in der Natur so nicht gibt. Auf die Festlegung von Küstenlinien treffe das in besonderem Maße zu. Wir erfahren in „Seestück“ aber nicht nur von dem Wandel der Landschaft, der in der Natur selbst liegt, wir erfahren auch von Reinigungsmitteln, Kunstdünger und Mineralöl, die in die Ostsee gelangen, vom Anstieg der Wassertemperatur und der Abnahme des Sauerstoffgehalts, vom Verschwinden des Sommerfisches und des Zanders in der Pommerschen Bucht, vom Plan, vierhundert Hektar Küstenwald bei Swinemünde abzuholzen, um Platz für riesige Hotels und einen Containerhafen zu schaffen. Die Ostsee, so sagt es Volker Koepp in seinem Filmkommentar, wird zu einem Industriegelände für Pipelines, Gaskraftwerke, Tanker und Offshore-Windparks. Indem er uns dies sagt und zeigt, unterscheidet sich Volker Koepp von jenen Unterhaltungsfilmern, die uns touristische Gefühle verkaufen wollen, ohne den wirklichen Preis zu nennen, der dafür zu bezahlen wäre.

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