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Michael Haneke : Mehr Tiefe, ruft der Schwimmlehrer

Die Spielfilme des österreichischen Filmregisseurs und Drehbuchautors wurden vielfach preisgekrönt. Bild: dpa

Die Rätsel des Michael Haneke: Die Filme des Oscar-Preisträgers verschleiern ihre Motive. Warum heißen die Protagonisten fast allesamt Georg? Und wieso die tropfenden Wasserhähne?

          Als ich neulich in Klagenfurt am Kanal Richtung Wörthersee lief, da entdeckte ich am Eingang zum Strandbad Maria Loretto eine kleine Tafel. Sie informiert den Spaziergänger darüber, dass Michael Haneke hier vor genau vierzig Jahren den Film „Drei Wege zum See“ drehte, nach der gleichnamigen Erzählung von Ingeborg Bachmann. Nach Hause zurückgekehrt, versuchte ich, mir den Film zu besorgen, was mir angesichts der heutigen Verfügbarkeit der Dinge kein Problem zu sein schien. Ich hatte mich getäuscht. Der Film war weder in den Datenbanken der Bibliotheken zu bekommen noch bei einer der Verkaufsbörsen im Internet. Heute, im digitalen Zeitalter, etwas nicht zu finden, da man meint, noch in die entlegensten Winkel der Welt vordringen zu können, machte mich rast- und ratlos.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Drei Wege zum See“ wurde zu einem Mysterium, dem ich mich nur über Umwege nähern konnte. Über das, was ich darüber las, was ich mir vorstellte. Wie würde dieser Film aussehen? Welche Bilder hatte Michael Haneke gefunden für die Erzählung, in der eine Fotografin bei einem Besuch in ihrer Heimatstadt Klagenfurt den See ihrer Kindheit aufsucht und dabei Stationen ihres Lebens aus der Tiefe des Bewusstseins an die Oberfläche treten? Irgendwann kam mir meine eigene Situation selbst vor wie der Einfall eines Haneke-Films - „Caché“.

          Darin wird eine Pariser Familie mit anonymen Drohvideos terrorisiert, die nach und nach ein verdrängtes Geheimnis des Vaters Georges aufdecken: Als Kind hatte er mit einer Lüge dafür gesorgt, dass seine Eltern einen algerischen Jungen, der über Nacht zum Waisen geworden war, nicht wie geplant bei sich auf dem Hof aufnahmen. Am Ende des Films sieht man dann die Söhne der beiden Widersacher von einst, deren Leben durch die Denunziation schicksalhaft miteinander verknüpft wurden, am Schultor miteinander reden.

          Es könnte gut sein, dass sich in dieser Unterhaltung die Antworten des Films verbergen. So intensiv, wie die Jungen miteinander sprechen: Wer war der Absender der Videos? In welcher Verbindung stehen sie zum Selbstmord des algerischen Vaters? Und gibt es noch Rettung für den heillos in die einstige Schuld verstricken Georges? Bohrende Fragen - doch das Gespräch der Jugendlichen am Schultor, das Aufschluss darüber geben könnte, ist aus so großer Entfernung gefilmt, dass man nicht verstehen kann, worüber sie reden. Nicht anders verhält es sich mit dem entscheidenden Brief, den Jean-Louis Trintignant am Ende von „Liebe“ schreibt; der Zuschauer kann ihn beim besten Willen nicht entziffern.

          Michael Haneke hat den Europäischer Filmpreis in der Kategorie Bester Film und Beste Regie für Caché erhalten.

          Die Szenen sind beispielhaft für die Filme von Michael Haneke. Sie leben von jener irremachenden Dialektik, die Oscar Wilde so beschrieb: „Das eigentliche Mysterium der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ In diesem Sinne sind Hanekes Filme mysteriös. Denn sie sind Dokumente des Sichtbaren, zeigen den Wahnsinn hinter der Schauseite des bürgerlichen Arrangements, den jähen Ausbruch von Gewalt. Aber sie erklären nicht, ihre Antworten behalten sie für sich. Dabei verwehren sie sich nicht nur, indem sie auf herkömmliche Dramaturgie verzichten, sondern mehr noch, weil sie den Zuschauer regelrecht am Schlafittchen packen und ins Ungewisse ziehen, ins Dunkle, auf den Grund des Sees. Das ist aufregend und manchmal verstörend. Weil man ganz allein zusehen muss, wie man bei diesem Tauchgang wieder nach oben kommt.

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