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Langs „Nibelungen“ restauriert : Ihr kennt die deutsche Seele nicht

Kulissenwunder: „Die Nibelungen” war der bis dahin teuerste deutsche Stummfilm Bild: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Eine ähnlich wichtige Restaurierung wird es sobald nicht mehr geben: Fritz Langs aufgefrischtes Stummfilmepos „Die Nibelungen“ wurde in der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt. Ein Hohelied der Vernichtung?

          Von den Dreharbeiten zu den „Nibelungen“ im Sommer 1923 hat Lotte Eisner einen vielsagenden Dialog zwischen Fritz Lang und seinem Produzenten Erich Pommer überliefert. Als Lang für den zweiten Teil des Films, „Kriemhilds Rache“, eine Szene mit vierhundert Komparsen auf Pferden drehen wollte, um das Heer der Hunnen auf seinem Ritt vom Feldlager zur Etzelburg zu zeigen, hatte Pommer Bedenken: „Das wird sehr teuer, und bei Massenszenen können wir mit den Amerikanern sowieso nicht konkurrieren. Lass uns morgen darüber reden.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am nächsten Tag machte Lang einen Rückzieher: „Ich glaube, wir brauchen die Szene nicht. Thea (von Harbou, Langs Drehbuchautorin und Ehefrau, A.K.) und ich denken uns etwas anderes aus.“ Pommer entgegnete, auch er habe nachgedacht: Der Reiterzug solle gedreht werden wie geplant.

          So ist der ganze Film: einerseits Masse, Wirbel, Effekt; andererseits Verdichtung und Drama. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte D.W. Griffith in Amerika den Monumentalfilm mit Großbauten und Statistenheeren, Urban Gad mit Asta Nielsen in Dänemark das Seelenkammerspiel auf engstem Raum zur ästhetischen Reife gebracht. Lang, der große Synthetiker der Form, wollte beides. Was er nicht wollte, war Wagner. Alles Mystische und Weihevolle fehlt in den „Nibelungen“, trotz des markigen Vorspruchs „Dem deutschen Volke zu eigen“. Was dann folgt, ist kein patriotisches Festspiel, sondern Ritter- und Abenteuerkino auf dem neuesten technischen Stand der Inflationszeit.

          Ditigal restauriert: die Burgunderburg in Worms in Fritz Langs Film

          Mesalliance von Kunst und Leben

          Wer über die plumpen Bewegungen des Drachens lacht, der von sieben Mann im Inneren bewegt und von vier weiteren auf einer verborgenen Rampe auf und ab gezogen wurde, sollte bedenken, dass bis zum Quantensprung der siebziger Jahre alle Monster im Kino solche mechanischen Gebilde waren. Auch die brennenden Felsen, die Brunhildes Burg beschützen, tauchen in den Sandalenfilmen der sechziger Jahre fast unverändert wieder auf - nur dass sie eben damals, 1923, zum ersten Mal gebaut wurden. Bei den Aufnahmen in Babelsberg konnte sich der Filmarchitekt Erich Kettelhut nur knapp vor den Flammen retten. Am Ende rettete ihn ein Sprung unter den Bauch von Siegfrieds Pferd. So viel zur Mesalliance von Leben und Kunst.

          Vier Jahre hat die Murnau-Stiftung in Wiesbaden an der restaurierten Fassung des Films gearbeitet, die am Dienstag in der Deutschen Oper in Berlin mit der Originalmusik von Gottfried Huppertz aufgeführt wurde. Angesichts dieses Aufwands wirkt das Resultat auf den ersten Blick unspektakulär: Die ursprüngliche orangefarbene Viragierung des Films ist wiederhergestellt, die Kontraste sind verbessert, viele Bildschäden ausgemerzt und eine im Archiv der Deutschen Kinemathek gefundene Szene mit dem Tod Kriemhilds in den Schluss des zweiten Teils eingefügt. Aber was heißt schon unspektakulär, wenn es um das filmische Erbe geht? Wenn nicht, wie bei „Metropolis“, in irgendeinem Winkel die von der Ufa aus „Kriemhilds Rache“ herausgeschnittenen Szenen wieder auftauchen (wofür nur wenig spricht), ist dies die endgültige Fassung des Films, diejenige, in der er von nun an überliefert werden wird. Näher kann man Langs eigener Version nicht mehr kommen.

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