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Kurzfilmtage Oberhausen : Durch den Film hindurch in die Seele sehen

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem Film „Transparent, I Am“ Bild: Kurzfilmtage Oberhausen

Wenn ein Spielfilm ein Roman ist, was wäre dann ein Gedicht? Die Kurzfilmtage in Oberhausen haben diese Frage verlässlich beantwortet.

          4 Min.

          Unter einem Tagebuch stellt man sich gewöhnlich Handgeschriebenes auf weißem Papier vor. Doch längst sind auch die Mittel des Kinos für die Beschäftigung mit dem Selbst entdeckt worden. Der Film „Transparent, I Am“ von Yuri Muraoka, der am Montag zum Abschluss der 67. Kurzfilmtage mit dem Großen Preis der Stadt Oberhausen ausgezeichnet wurde, ist ein schönes Beispiel.

          Die japanische Filmkünstlerin gibt sich darin als ein fragiles Ich zu erkennen, als Ehefrau und Mutter zweier Kinder, die unter einer Schizophrenie leidet. Für ihren Zustand findet sie eine Vielzahl von Bildern, während sie zugleich von sich erzählt. Das Kino war traditionell ein Medium der Transparenz, und auch wenn im Digitalen von Belichtung und Projektion nicht mehr im früher geläufigen Sinn gesprochen werden kann, so macht Yuri Muraoka doch alle die Schichtungen des filmischen Bildes stark, die dieses als Spiegelbild von Subjektivität erweisen.

          Sie spielt auch mit dem wichtigsten Gegenwartsmotiv: die Maske, die in der Pandemie Mund und Nase verschließen soll, ist bei ihr ein Streifen Bewegtbild, den sie sich durch digitale Montage ins Gesicht hängt. Sie schützt sich also, wenn man es ganz emphatisch lesen will, mit dem Kino selbst gegen eine Krankheit, die von außen kommt, und meint wohl auch diejenige, die sie in ihrem Inneren als ihr äußerlich erlebt.

          Berlin bei Nacht

          Die Jury entschied sich mit „Transparent, I Am“ für einen (mit knapp zwölf Minuten) tatsächlich kurzen Kurzfilm und für einen, der das Format, für das Oberhausen sich seit 1954 zuständig erklärt, durch poetische Komplexität bereichert. Tatsächlich liegt in diesem Fall auch die Assoziation zu Lyrik im Gegensatz zu einem abendfüllenden Spielfilmroman nahe. Der genau 30 Minuten lange „Proll!“ von Adrian Figueroa, ausgezeichnet mit dem Preis des deutschen Wettbewerbs, ist demgegenüber tatsächlich beinahe klassische Filmprosa: Ein paar Menschen in einem vorwiegend nächtlichen Berlin müssen da mit ihren prekären Existenzen zurechtkommen, ein Lieferfahrer, der aus Zeitdruck in eine Plastikflasche urinieren muss (ein Detail, das inzwischen die Arbeitskämpfe in der entsprechenden Branche befeuert), eine digitale Gig-Arbeiterin hat nach einem langen Arbeitstag noch ein frustrierendes Online-Date, und zwei Angestellte einer Kartonfabrik folgen ihren Arbeitgebern bis zu deren Eigenheim, um Rechenschaft über die geplante Betriebsschließung einzufordern. „Proll!“ ist ein Film über die arbeitenden Armen dieses Landes, eine Verdichtung alltäglicher Umstände, die uns umgeben, und von denen wir oft wenig Notiz nehmen.

          Dieses Jahr fiel das traditionsreiche Festival neuerlich in eine Zeit der geschlossenen Kinos, wurde also vollständig im Netz abgehalten. Am Montag ging die 67. Ausgabe der Kurzfilmtage mit der Verleihung der zahlreichen Preise zu Ende. An das gewohnt vielfältige Programm ging man natürlich auch mit der Frage heran: Welche Spuren hat wohl die Pandemie in den neuesten Produktionen hinterlassen? Grob gesprochen: an manchen Stellen sehr deutliche, insgesamt aber ging es zumindest in den für Oberhausen 2021 ausgewählten Filmen überwiegend ohne Masken weiter.

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