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Kurzfilmtage Oberhausen : Ein Roboter namens Zucker

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Gespenstisch niedlich: „Sugar“ – die Vision einer „post-sozialen Zukunft“ zwischen Mensch und Dienstleistungshelfer Bild: Bjørn Melhus

Naturunmittelbarkeit und ein ästhetisches Fruchtgummi: Die Kurzfilmtage Oberhausen machen inmitten der Pandemie unverdrossen weiter. Preise gingen an Lynne Sachs und Bjørn Melhus.

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          Mit der Verleihung der Preise sind am Montagabend die 66. Oberhausener Kurzfilmtage zu Ende gegangen. Das Festival fand aufgrund der gegenwärtigen Kontaktbeschränkungen zum ersten Mal ausschließlich online statt (F.A.Z. vom 13. Mai). Entsprechend wurde auch die abschließende Zeremonie als Stream organisiert, die Preisträger aus aller Welt hatten sich mit Video-Grußbotschaften dazu gemeldet. Die beiden wichtigsten Preise repräsentieren in diesem Jahr sehr gut die Bandbreite an filmischen Formen, für die Oberhausen mit seinem notwendigerweise kleinteiligen Programm traditionell steht: Der Große Preis der Stadt Oberhausen ging an „A Month of Single Frames“ von Lynne Sachs aus New York, der Preis für den Besten Beitrag des Deutschen Wettbewerbs an „Sugar“ von dem in Berlin lebenden, in Kassel lehrenden Videokünstler Bjørn Melhus.

          „A Month of Single Frames“ ist das Ergebnis eines postumen Freundschaftsdiensts. 1998 verbrachte die Filmemacherin Barbara Hammer einen Monat im Rahmen eines Stipendiums in einer abgelegenen Strandhütte in Cape Cod. Es gibt dort weder einen Wasseranschluss noch Strom, dafür jede Menge Wind und Wetter und ein Naturerlebnis, das durch die fehlenden Annehmlichkeiten noch intensiver wurde. Hammer hatte eine 16-Millimeter-Beaulieu-Kamera dabei, mit der sie ihre Eindrücke dokumentierte. Sie spielte dabei auch mit den Möglichkeiten der Kameratechnik, indem sie den Durchlauf des Filmmaterials verlangsamte, manchmal bis zur Aufnahme von Einzelbildern. Das Material, das in diesen Wochen entstand, blieb zwanzig Jahre lang liegen.

          2018, als sie wegen einer Krebserkrankung ihren Nachlass zu ordnen begann, übergab Barbara Hammer die Filmstreifen an Lynne Sachs, die nun mit „A Month of Single Frames“ zugleich eine Erinnerung an diesen außergewöhnlichen Moment der Naturunmittelbarkeit, ein Zeugnis einer Frauenfreundschaft und eine Eloge auf das historisch gewordene analoge Kino vorlegt. Beinahe könnte man meinen, man wäre selbst in der Lage, zwischen der kargen Vegetation in den Dünen durch den Sand zu streifen, so stark sind die Sinneseindrücke auch noch in der digital aufbereiteten Version für den Festival-Stream. Man kann in dieser Entscheidung der Jury aber wohl auch ein Prinzip Hoffnung erkennen, dass 2021 die Bedingungen wieder gegeben sein mögen, solche Filme in der ihnen gemäßen Form einer Projektion zeigen zu können.

          Die Filme oder Videos von Bjørn Melhus haben hingegen häufig einen anderen angestammten Ort als eine Kinovorführung, denn Melhus zählt den bekanntesten Installationskünstlern der Gegenwart. „Sugar“ erwies sich auf bedrängende Weise als aktuell: Melhus spielt selbst die Hauptrolle in einer Vision einer „post-sozialen“ Zukunft, in der ein „Normalorganismus“ in einer sterilen Zelle, ohne jedes Außenlicht, ein stark reduziertes „Leben“ führt. Das Roboterwesen „Sugar“, das sich ihm zugesellt, ist seinerseits ein merkwürdiger Hybrid: Unter dem Plüschkostüm ist deutlich eine menschliche Physiognomie zu erkennen, der Kopf allerdings sieht aus, als käme er direkt aus einem Animationsfilm für Kinder.

          Melhus erzählt in Andeutungen eine Emanzipations- oder Befreiungsgeschichte, ein neues Höhlengleichnis, in dem nicht mehr der „Mensch“, sondern sein Beiwesen den Weg aus dem Verlies sucht. Mit seiner Kombination aus geläufigen postapokalyptischen Bildern und den Verniedlichungen einer möglichst harmlos auftretenden Service-Robotik, mit starken Primärfarben in einer reizarmen Umgebung schafft Melhus auch ein filmisches Mischwesen. „Sugar“ gibt sich den Anschein eines ästhetischen Fruchtgummis, sobald der Roboter aber im Freien ist, wäre schon eine Hütte wie die bei Barbara Hammer ein wahres Paradies.

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