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Science-Fiction-Filmfest : Kurzfilme über das Unendliche

Die Schrift am Himmel droht mit der maschinenlesbaren Welt: Der chinesische Film „16“ zeigt eine riskante Zukunft. Bild: Festival

Wenn die Geschichte eines verliebten KI-Autos auf ein Pandemie-Drama folgt: Das Berliner Science-Fiction-Filmfestival zeigt anhand von Kurzfilmen, wie man Streaming kuratieren sollte.

          4 Min.

          Kurzfilme sind die abgelegenen Inseln der Filmfestivals. Beim Blick ins Programm überfliegen die Zuschauer sie und kaufen am Ende doch ein Ticket für den Langspielfilm, weil man da weiß, was man bekommt. Ein Besuch der Filminselchen erfordert einen wacheren Geist, weil man sich wie bei einer Vertrauensübung alle paar Minuten blind in eine völlig neue Handlung fallen lassen muss und auf einen Actionfilm schon mal ein Experimentalstück folgt. Wie solche Kurzfilmreihen gut kuratiert aussehen können, hat gerade das Berliner Science-Fiction-Filmfest gezeigt.

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Dort erzählt etwa das kurze KI-Drama „Jeff Drives You“ von einem jungen Mann, der sich in eine Künstliche Intelligenz verliebt. Die nennt sich selbst „Jeff“ und steuert ein selbstfahrendes Auto. Klingt wie ein Remake von Spike Jonzes „Her“? „Jeff“ ist eher dessen kleiner Bruder auf erotischen Irrwegen. Tanner Rittenhouse legt der Auto-KI so viel Sex-Appeal in die Stimme, dass Scarlett Johanssons dunkles Schnurren in „Her“ dagegen keusch wirkt. Wenn schon manche Autowerbung die schnittigen Kurven des Produkts in erotischer Bildsprache anpreist, so treibt Regisseur Aidan Brezonick das auf die Spitze, lässt Scheinwerfer verführerisch funkeln und hat sich darüber hinaus noch ein paar Gedanken gemacht, wie eine Künstliche Intelligenz mittels eines Autos Gefühle ausdrücken würde. Sanfte Innenbeleuchtung zeigt von Blau bis Pink Jeffs Emotionsspektrum, ein Display mit lavalampenähnlichen Blasen erzählt blubbernd, welche Gefühle sich an die Oberfläche arbeiten.

          Schöne Kurven: KI-Auto Jeff flirtet nicht nur mit seinem Äußeren.
          Schöne Kurven: KI-Auto Jeff flirtet nicht nur mit seinem Äußeren. : Bild: Festival

          Die Frage, wozu Maschinen fähig sein könnten, ist so alt wie der Film selbst. Fritz Lang stellte sie in „Metropolis“, Jonathan Nolans Serie „Westworld“ geht ihr mittlerweile in der vierten Staffel nach – doch Kurzfilme wie „Jeff Drives You“ oder auch der chinesische „16“ (der wissen will, ab wann eine Künstliche Intelligenz die gleichen Rechte hat wie ein Mensch, und dabei Ideen entwickelt, die man gern in „Westworld“-Länge sehen würde), haben den Vorteil, dass Zeitknappheit die besseren Pointen fordert. Und gerade als man nach knapp 17 Minuten über die Auflösung von Brezonicks „Jeff Drives You“ verwundert auflacht, beginnt auch schon der nächste Film.

          Die Filmemacher winken virtuell ins Wohnzimmer

          Das Berliner Science-Fiction-Filmfest hat das Beste daraus gemacht, dass in diesem Jahr keine langen Filmabende in Anwesenheit der Regisseure im Berliner Babylon-Kino möglich sind. Statt an die Kinokasse geht man hier in den virtuellen Vorführsaal, statt Gesprächen auf der Bühne gibt es meist ein kurzes virtuelles Grußwort der Filmemacher, die von ihren Küchentischen und Arbeitszimmern in New York, London oder Madrid ins fremde Wohnzimmer winken. Draußen wütet eine Pandemie, die unser Leben verändert, aber gerade Science-Fiction hat dieses Thema doch schon Jahre zuvor in allen erdenklichen Varianten durchgespielt, das schafft Gelassenheit. Und weil Künstler, die sich sowieso schon mit diesem Genre beschäftigen, offener für Möglichkeiten sind, Extremfälle zu überstehen, läuft auf dem Festival zum Beispiel der Dreiminüter „Project-19“, der während der Quarantäne in einem New Yorker Apartment entstand. Randy Scott Slavin, der sein Geld als Werberegisseur und Drohnenfotograf verdient, lässt dafür die sechsjährige Zoe durch den Keller streifen und Kabel, Stecker, Batterien zusammensuchen. Das Mädchen ist nicht nur von Corona genervt, es versucht mit seinem Ingenieurstalent auch mit Mamas iPhone mehr als nur eine Telefonverbindung zur Oma herzustellen.

          Der Dreh von „Project-19“ fand in einem New Yorker Apartment während der Quarantäne statt.
          Der Dreh von „Project-19“ fand in einem New Yorker Apartment während der Quarantäne statt. : Bild: Festival

          So kurzfristig konnten nicht alle Filme, die sich in dieser Ausgabe des Filmfests finden, auf die Pandemie reagieren. Manche wirken, als habe die Realität sie während ihrer Fertigstellung überholt. So spielt der neuseeländische „Zealandia“ durch, wie eine Gesellschaft nach der Pandemie aussehen könnte (es gibt virenfreie Zonen, und wer sie betreten will, muss sich testen lassen). Die schwarze Minikomödie „Everyone will die“ räumt mit dem Mythos auf, dass man sich im Angesicht einer lebensbedrohenden Katastrophe plötzlich rational und vernünftig verhält, und zeigt ein Paar, das während des Weltuntergangs im Meteoritenhagel nicht mit seinen Beziehungsproblemen zu Rande kommt. „Alien Outbreak“, einer von vier Langspielfilmen im Programm, lässt eine junge Polizistin irgendwo im britischen Hochland zu mysteriösen Suizidfällen ermitteln, nur um dabei von einer Alien-Invasion überrascht zu werden.

          Schauspielerin Katherine Drake spielt die Rolle der toughen Ermittlerin Zoe mit absolutem Ernst. Man hat um sie noch nicht einmal Angst, wenn sie nur mit einem Gewehr bewaffnet über die dunklen Flure einer von klickenden Metallspinnen besetzten Polizeiwache streift. Bei anderen Filmen merkt man, dass das Budget nicht die besten Darsteller zuließ. Genrefilme leben freilich davon, dass jeder genauso viel Ernst hineinsteckt wie andere in ein französisches Sozialdrama. Dass man auch mit eigenen Mitteln Eindrucksvolles produzieren kann, zeigt der Fanfilm „Star Wars Origins“ von Phil Hawkins. Für seine Hommage an Star-Wars-Erfinder George Lucas reiste Hawkins bis in die Wüste Marokkos. Dort schickt er ein Archäologenpaar auf die Spuren der Weltraumsaga. Und weil er die Handlung ins Jahr 1944 verlegt, gibt es natürlich auch Nazis und Verfolgungsjagden im Jeep durch Wüstendünen. Die Indiana-Jones-Anleihen sind ebenso Absicht wie die vielen Zitate aus Star-Wars-Filmen. Das brachte dem Film gar ein Lob vom Luke-Skywalker-Darsteller Mark Hamill ein.

          Hommage an George Lucas’ Werk: Fan Film „Star Wars Origins“
          Hommage an George Lucas’ Werk: Fan Film „Star Wars Origins“ : Bild: Velvet TV

          Science-Fiction heißt freilich nicht einfach nur „es kommen Aliens und Raumschiffe im Film vor“, sondern ist im Idealfall viel mehr als jedes andere Genre darum bemüht, den Verstand zu packen. Das schafft beispielsweise „Basement Millionaire“ von Zha Shan. In einer Ein-Zimmer-Kellerwohnung gedreht, folgt der Film einem jungen Informatiker, der schnell reich werden will, dafür eine Quizapp manipuliert und dann feststellen muss, dass seine erfundenen Antworten zu Geografie und Physik plötzlich auch in der echten Welt als wahr gelten. Es gibt nur noch sechs Planeten, der Siedepunkt von Wasser liegt knapp über Zimmertemperatur, und der Himmel ist von nun an rot. Shan gelingt mit diesem Kurzfilm eine kammerspielartige Tragödie über Gier und Egoismus, die den Zuschauer herausfordert, denn ohne Kenntnis der Naturwissenschaften hat man hier nur halb so viel Spaß an der Auflösung. Gerade in einem Jahr, in dem man sowieso zu viel Zeit drinnen verbringen musste, ist dieser Film mehr als die meisten, die sich die Pandemie explizit zum Thema nehmen, eine Mahnung, die Konsequenzen der eigenen Handlungen zu überdenken, bevor man sie ausführt.

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