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Kultfilm „Go, Trabi, Go“ : Vom Mobilitätstrost zum fliegenden Teppich

  • -Aktualisiert am

Mit Beutelgermanen unterwegs: Der Trabi Schorsch, Trauzeuge seiner Besitzer, lässt diese auf der Fahrt nach Neapel nur ganz selten im Stich. Bild: INTERFOTO

Keine Ostalgie: Die Komödie „Go, Trabi, Go“ kommt wieder ins Kino und erinnert an eine Zeit, in der Goethe, das Sächseln und der Trabant als Dreiklang zur Identifikation luden.

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          Bei den Zungenbrechernamen in deutscher Sprache gibt es zwei, die auf eine untergründige Weise zusammengehören. Friedrich Nietzsche stammte bekanntlich aus dem Sächsischen, und die wichtigste Metropole dort wird von den Einheimischen auf eine Weise ausgesprochen, dass die Zischlautkollision im Namen des Philosophen wie eine lockere linguale Aufwärmübung klingt: „Leibzsch“. Eine phonetische Klippe, die durch Unterschlagung eines Selbstlauts entsteht, wodurch eine ganze Menge Zungenbruch hinter dem Konsonanten B aufläuft. Zungenbruch natürlich nur für Völker, die lieber in Vokalen sprechen, wie die Italiener mit ihrem Arkadien.

          1990 fuhr eine Familie aus Deutschland nach Italien, die mit ihrem Namen so ein bisschen im Niemandsland zwischen den anspruchsvolleren Artikulationsverrenkungen zu verorten waren: Udo und Rita Struutz mit ihrer Tochter Jacqueline. Drei Ossis, auch wenn sich dieses Wort natürlich verbietet. Die Struutzs waren die Helden in der Komödie „Go, Trabi, Go“, die gleich nach der Wende so etwas wie das Willkommensgeld war, das das Kino der Bundesrepublik für Menschen aus der ehemaligen DDR bereithielt.

          Ein Film, der von hüben sowie drüben kam

          Ein Willkommensgeld, das selbstverständlich zu bezahlen und nicht zu beheben war, als Abgabe für den Eintritt zu dem Vergnügen, sich selbst im Übergang in eine neue Zeit in einem Gefährt zu sehen, über das schon damals mindestens 128 Witze kursierten. Ein paar davon werden im Film erzählt, zum Beispiel der mit dem Kondom ... Na ja, der ist schon gut, aber man muss darauf nicht herumreiten, 30 Jahre später.

          Das runde Jubiläum der Wiedervereinigung bringt „Go, Trabi, Go“ nun noch einmal ins Kino. Man kann getrost davon ausgehen, dass nicht wenige Menschen dieses Angebot zu einer Zeitreise nützen werden. Denn man darf mit Peter Timms Komödie auch die dreißig Jahre Ressentimentgeschichte überspringen, die sich seither angestaut hat – neben der Erfolgsgeschichte, die das geeinte Deutschland klarerweise auch ist. „Go, Trabi, Go“ war ein Film, der sowohl von hüben wie von drüben kam. Peter Timm war aus dem Osten, sein Drehbuchpartner Reinhard Kloos aus dem Westen, die Infrastruktur kam aus Bayern, weswegen auch ein bedeutender Teil der Handlung dort spielt, in einem Kleingartenitalien, in dem Ottfried Fischer für pedantische Ordnung sorgt.

          „Go, Trabi, Go“ war Stumphs Karrierestartschuss

          Timm und Kloos machten dem Publikum aus den neuen Bundesländern drei klug aufeinander abgestimmte Angebote: Goethe, das Sächseln und den Trabant. Goethe schmeichelte dem Ich-Ideal, denn die DDR hatte sich ja ständig als Sachwalterin der Weimarer Klassik inszeniert, während der Lehrer Struutz eine genuine Lesebeziehung zur „Italienischen Reise“ hat. Es sind gleichsam die Textschwingen, auf denen er mit Frau und sehr flügger Tochter den „Wünschen zujagt“. Dass er konkret einen fahrbaren Untersatz hat, der das Gegenteil eines tollen Käfers ist, ist dann schon Komödie. Mit Goethe sprach „Go, Trabi, Go“ zu der besseren, zu der idealistischen DDR, und westliche Bildungsphilister konnten dieses Angebot getrost als auch in ihrem Namen gemacht auf die Habenseite verbuchen, auf der sonst vor allem die D-Mark stand.

          Das mit dem Sächsischen war der nächste Coup. Denn wenn es einen Dialekt in Deutschland gibt (oder ist es doch eine eigene Sprache?), der Ungeübten als lebende Anpassungsschwierigkeit erscheinen könnte, dann doch dieses weiche, betonungsaverse Idiom, das nur bei Worten wie „Chemiefaser“ ein bisschen aus sich herausgeht, in Italien aber immer nur „Cucci“ findet und niemals „Gucci“.

          Man könnte sich über das Sächsische leicht lustig machen, aber die Kunst besteht darin, sich darüber so lustig zu machen wie der Schauspieler Wolfgang Stumph, von dem einer der besten Begriffe über das deutsche Wesen überhaupt stammt: der „Beutelgermane“. Für Stumph begann mit „Go, Trabi, Go“ eine veritable Filmkarriere, während es für Claudia Schmutzler, die Jacqueline spielte, nicht ganz so doll lief. Sie ist aber mit ihrer Interpretation des Lieds „Gates of Eden“ heute auf Youtube immer noch präsent und löst zahlreiche wehmütige Kommentare aus.

          Der Trabi verwandelt sich in fliegenden Teppich

          Die Sache mit dem Trabant lag für einen halb selbst-, halb zwangsironischen Film natürlich nahe, wird in „Go, Trabi, Go“ aber sehr schön umgesetzt. Schon eines der ersten Bilder deutet die Wiedervereinigung offenkundig als freiwilligen Beitritt der DDR zu der deutschen Autoindustrie zum Zweck des Erhalts eines neuen Freizeitrituals: Lackteile scheuern ohne Unterlass. Struutzs hingegen haben auf ihrem Veteranen hintendrauf stehen: „Neapel sehen und sterben“. Ihr Trabi heißt Schorsch („ein Auto ist auch nur ein Mensch“), der Wagen war Trauzeuge von Udo und Rita, und Jacqueline verdankt sich auch auf eine populärkulturell durchaus nicht unbekannte Weise der Rückbank von Schorsch.

          Mit dem Trabant in „Go, Trabi, Go“ begann schon 1990 die Umwidmung der an sich eher als minderwertig eingeschätzten DDR-Dinge in Identifikationsangebote und Retroware. Die Meurers bei Ingo Schulze, in dessen Roman „Simple Stories“, fuhren mit dem Bus nach Italien, also pauschal. Die Struutzs, die im Geiste Goethes „das Gewöhnliche als Abenteuer“ erleben wollten, sind „easy riders“ mit einem Gefährt, das auf jeder Station auf dem Weg nach Süden neu zusammengeflickt werden muss (oder geklebt, wie Polemiker unterstellen).

          Der Trabi wird dabei aber seiner ursprünglichen Bestimmung immer ähnlicher, er verwandelt sich von einem kleinen Mobilitätstrost, der über den Brenner nur huckepack kommt, in einen fliegenden Teppich, der zwischen zufälliger Identität (aus Bitterfeld oder Leibzsch unter Erich Honecker) und idealer Identität (Goethe wurde in Italien zum Klassiker) freien Verkehr ermöglicht.

          Die DDR wurde im westdeutschen Kino danach schnell zur Beute vieler jovialer Ironiker. Für den Moment der Befreiung fehlt ein Film, der dem Stellenwert von neorealistischen Gründungsurkunden wie „Rom, offene Stadt“ in Italien 1945 oder „Unter den Brücken“ in Deutschland 1944/45 entsprechen würde. Es gibt großartige DDR-Filme aus der Zeit der Wende, von Peter Kahanes „Die Architekten“ und Helke Misselwitzs „Winter adé“ bis zu „Imbiss spezial“ von Thomas Heise und „La Villette“ von Gerd Kroske. Und Andreas Dresen hat mit „Stilles Land“ am ehesten die Transformation an einen Punkt geführt, von dem aus sie sich dann so erzählen ließ, dass „Gundermann“ später nicht ganz wie die Revision des übermächtigen „Das Leben der Anderen“ erscheinen musste, die er de facto ist.

          „Go, Trabi, Go“ hat in diesen Zusammenhängen kaum eine Stimme. Das hat mit der Unwucht zu tun, dass im deutschen Kino das Populäre immer noch häufig als antiintellektuell begriffen wird. „Go, Trabi, Go“ ist in vielerlei Hinsicht eher ein Abklatsch der achtziger Jahre, und Peter Timm trat dann mit den „Manta“- Filmen in diese Richtung deutlich aufs Gas. Mit der Geschichte von Schorsch aber traf „Go, Trabi, Go“ 1990 den Zweitakt der Weltgeschichte, die ja dauernd von einer Zeit in die andere nicht so sehr fährt als stottert.

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