https://www.faz.net/-gqz-9vkue

Kultfilm „Go, Trabi, Go“ : Vom Mobilitätstrost zum fliegenden Teppich

  • -Aktualisiert am

Mit Beutelgermanen unterwegs: Der Trabi Schorsch, Trauzeuge seiner Besitzer, lässt diese auf der Fahrt nach Neapel nur ganz selten im Stich. Bild: INTERFOTO

Keine Ostalgie: Die Komödie „Go, Trabi, Go“ kommt wieder ins Kino und erinnert an eine Zeit, in der Goethe, das Sächseln und der Trabant als Dreiklang zur Identifikation luden.

          4 Min.

          Bei den Zungenbrechernamen in deutscher Sprache gibt es zwei, die auf eine untergründige Weise zusammengehören. Friedrich Nietzsche stammte bekanntlich aus dem Sächsischen, und die wichtigste Metropole dort wird von den Einheimischen auf eine Weise ausgesprochen, dass die Zischlautkollision im Namen des Philosophen wie eine lockere linguale Aufwärmübung klingt: „Leibzsch“. Eine phonetische Klippe, die durch Unterschlagung eines Selbstlauts entsteht, wodurch eine ganze Menge Zungenbruch hinter dem Konsonanten B aufläuft. Zungenbruch natürlich nur für Völker, die lieber in Vokalen sprechen, wie die Italiener mit ihrem Arkadien.

          1990 fuhr eine Familie aus Deutschland nach Italien, die mit ihrem Namen so ein bisschen im Niemandsland zwischen den anspruchsvolleren Artikulationsverrenkungen zu verorten waren: Udo und Rita Struutz mit ihrer Tochter Jacqueline. Drei Ossis, auch wenn sich dieses Wort natürlich verbietet. Die Struutzs waren die Helden in der Komödie „Go, Trabi, Go“, die gleich nach der Wende so etwas wie das Willkommensgeld war, das das Kino der Bundesrepublik für Menschen aus der ehemaligen DDR bereithielt.

          Ein Film, der von hüben sowie drüben kam

          Ein Willkommensgeld, das selbstverständlich zu bezahlen und nicht zu beheben war, als Abgabe für den Eintritt zu dem Vergnügen, sich selbst im Übergang in eine neue Zeit in einem Gefährt zu sehen, über das schon damals mindestens 128 Witze kursierten. Ein paar davon werden im Film erzählt, zum Beispiel der mit dem Kondom ... Na ja, der ist schon gut, aber man muss darauf nicht herumreiten, 30 Jahre später.

          Das runde Jubiläum der Wiedervereinigung bringt „Go, Trabi, Go“ nun noch einmal ins Kino. Man kann getrost davon ausgehen, dass nicht wenige Menschen dieses Angebot zu einer Zeitreise nützen werden. Denn man darf mit Peter Timms Komödie auch die dreißig Jahre Ressentimentgeschichte überspringen, die sich seither angestaut hat – neben der Erfolgsgeschichte, die das geeinte Deutschland klarerweise auch ist. „Go, Trabi, Go“ war ein Film, der sowohl von hüben wie von drüben kam. Peter Timm war aus dem Osten, sein Drehbuchpartner Reinhard Kloos aus dem Westen, die Infrastruktur kam aus Bayern, weswegen auch ein bedeutender Teil der Handlung dort spielt, in einem Kleingartenitalien, in dem Ottfried Fischer für pedantische Ordnung sorgt.

          „Go, Trabi, Go“ war Stumphs Karrierestartschuss

          Timm und Kloos machten dem Publikum aus den neuen Bundesländern drei klug aufeinander abgestimmte Angebote: Goethe, das Sächseln und den Trabant. Goethe schmeichelte dem Ich-Ideal, denn die DDR hatte sich ja ständig als Sachwalterin der Weimarer Klassik inszeniert, während der Lehrer Struutz eine genuine Lesebeziehung zur „Italienischen Reise“ hat. Es sind gleichsam die Textschwingen, auf denen er mit Frau und sehr flügger Tochter den „Wünschen zujagt“. Dass er konkret einen fahrbaren Untersatz hat, der das Gegenteil eines tollen Käfers ist, ist dann schon Komödie. Mit Goethe sprach „Go, Trabi, Go“ zu der besseren, zu der idealistischen DDR, und westliche Bildungsphilister konnten dieses Angebot getrost als auch in ihrem Namen gemacht auf die Habenseite verbuchen, auf der sonst vor allem die D-Mark stand.

          Das mit dem Sächsischen war der nächste Coup. Denn wenn es einen Dialekt in Deutschland gibt (oder ist es doch eine eigene Sprache?), der Ungeübten als lebende Anpassungsschwierigkeit erscheinen könnte, dann doch dieses weiche, betonungsaverse Idiom, das nur bei Worten wie „Chemiefaser“ ein bisschen aus sich herausgeht, in Italien aber immer nur „Cucci“ findet und niemals „Gucci“.

          Weitere Themen

          Karneval des Todes

          Haitis blutige Gegenwart : Karneval des Todes

          Seit Monaten eskalieren Proteste und Demonstrationen in Haiti. Das Land, das sich weder von der Duvalier-Diktatur in den siebziger und achtziger Jahren noch von dem Erdbeben im Jahr 2010 erholen konnte, steht kurz vor einem Bürgerkrieg. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.