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Filmfestival in Cannes : Das Kino braucht keine Kathedralen, ein Kuss genügt

Auch die Kamera strebt ans Licht: August Diehl verkörpert in Terrence Malicks „A Hidden Life“ einen österreichischen Bauern mit Gewissen. Bild: Reiner Bajo

Genre oder Kirche? Filme von Ken Loach, Mati Diop, Jessica Hausner, Terrence Malick und Pedro Almodóvar konkurrieren auf dem Filmfestival in Cannes um die Goldene Palme.

          Es ist eine heikle Balance, die das Programm des Filmfestivals jedes Jahr versucht, zwischen Alt und Jung, Tradition und Neu. In diesem Jahr, da das Konzept der Treue zu alten Kämpen auf die Spitze getrieben schien, hält es das Gleichgewicht auf wunderbare Weise.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Erstaunliche Debüts und unerwartete Alterswerke wechseln einander ab, dazwischen Werke junger Filmemacher, die keine Anfänger mehr sind, aber auch noch nicht in der Mitte der Karriere. Belangloses kommt selten auf die Leinwand, Streitbares aber wohl und sehr viel Genre, in dem mit der Geschichte des Kinos gespielt wird, als Zitat oder Hommage, manchmal auch einfach nur geklaut.

          Es herrscht ein entspannter Umgang mit den Mitteln, die das Medium in den vergangenen hundertzwanzig Jahren entwickelt hat, fast jeder Film wirkt unterfüttert, gesättigt von anderen Filmen, seien es die eigenen oder nicht. Der Rumäne Corneliu Porumboiu blendet etwa in seinem Polizei- und Gangsterthriller „La Gomera“ ganze Szenen aus alten Filmen ein, als gehörten sie zu seiner Geschichte mehrfachen Verrats. Und der Chinese Yinan Diao spielt das ganze Register des Film Noir in seinem „Nan fang che zhan de ju hui“ (The Wild Goose Lake), der mit einer lustigen Variante auf die berühmte „Hast du mal Feuer“-Szene aus „To Have and Have Not“ beginnt.

          Kurz darauf lernt man, wie leicht es ist, ein Motorrad zu stehlen, und dann geht die Jagd los, mit erstaunlicher Ausdauer der angeschossenen Hauptfigur. Vor allem unverbrauchte Schauplätze wie ein Kleinstadtbahnhof und der titelgebende See mit Strandleben und Prostituierten geben dem Film eine eigene Magie.

          Eine sterile Geschichte

          Die Österreicherin Jessica Hausner treibt die Sache mit den Referenzen etwas weit. Es bleibt unklar, warum sie mit „Little Joe“ eine Geschichte, die schon viel radikaler und spannender erzählt wurde, und das seit 1960 („Village of the Damned“ und „Little Shop of Horrors“, diverse Versionen von „The Body Snatchers“), in ihrem englischsprachigen Debüt noch einmal erzählen muss: die Geschichte einer gentechnisch gezogenen Pflanze, deren Duft glücklich machen soll, die Menschen aber auch verändert, gewissermaßen zu Zombies macht.

          Hausners Film bleibt steril wie das Labor, in dem die Pflanze gezogen wird. Handelt es sich möglicherweise gar nicht um eine gefährliche Pflanze, sondern um die Ängste der Gentechnikerin, nicht genug Mutterliebe in sich zu haben, wie die Gespräche mit ihrer Therapeutin ahnen lassen? Vielleicht soll diese Ambivalenz, untermalt von einem fast unerträglichen Soundtrack aus Panflöte und Elektroquietschen, offengehalten werden. Doch als Horrorfilm, der er sein soll, funktioniert der Film so wenig wie als Klage über den Drang nach hirnloser Zufriedenheit und kommerziellem Erfolg.

          Berechenbar, aber gut

          Ganz bei sich selbst hingegen ist wie immer Ken Loach. Nicht viele erzählen mehr so konventionell wie er. „Sorry We Missed You“ wird trotzdem gefeiert – für die Sicherheit, mit der er inszeniert, seine Fähigkeit, aus den Darstellern das Beste herauszuholen und Spannung in einer Geschichte aufzubauen, die man ebenso gut als Reportage lesen könnte (diesmal stehen Lieferdienste und wie sie ihre Franchise-Nehmer ausbeuten im Zentrum).

          Loach, inzwischen zweiundachtzig, macht engagiert und unverdrossen immer weiter, rückt immer wieder eine neue gesellschaftliche Ungerechtigkeit ins Licht, baut immer noch ein weiteres Denkmal für die rechtschaffenen, angeschmierten kleinen Leute, deren Familien eigentlich harmonieren, bis der Kapitalismus, hier die Gig Economy, sie entzweit.

          Die Bewunderer von Loach haben gute Gründe auf ihrer Seite. Aber die Armen mit den goldenen Herzen können auch in ihrer genauen Beobachtung ziemlich nervtötend sein, und es fragt sich dann doch, ob sich Geschichten von den Opfern der globalisierten Welt nicht auch anders als in diesem letztlich fernsehhaften Format erzählen lassen.

          Eine Liebesgeschichte mit ernstem Rahmen

          Wie das geht, zeigte Mati Diop in ihrem Debüt „Atlantique“. Schon das erste Bild, farbentsättigt wie hinter einem sandigen Windvorhang, ist unvergesslich. Da stehen auf einem Gerüst für ein Hochhaus in unterschiedlichen Etagen bis zum Bildrand junge Männer mit farbigen Plastikhelmen und T-Shirts, als sei dies ein Relief, in dem sie zur Hälfte schon mit dem unfertigen Bau verschmolzen sind. Einige von ihnen werden am nächsten Abend in ein Schlauchboot steigen, um von der Küste Senegals nach Spanien zu kommen. Die meisten werden es nicht schaffen, einige aber als Geister zurückkehren, und einer wird sich rächen.

          Dieser Film, hervorgegangen aus einem Kurzfilm der Autorin, gehört bisher zu den eindrucksvollsten, auch, weil er Situationen, Gesichter und Erzählweisen mitbringt, die im Programm von Cannes nicht geläufig sind. Diop verbindet bruchlos eine realistische Erzählung mit einer Geistergeschichte, eingebettet in ein Gewebe aus Religion und Aberglauben, Modernität, Tradition und großem Gefühl, denn es handelt sich im Zentrum um eine Liebesgeschichte.

          Sie findet dafür Bilder, in denen Meer, Strand, Himmel und Sterne gleichermaßen voller Glück, voller Sehnsucht oder Gefahr sein können. Jeder Blick in „Atlantique“ bezieht sich auf die Menschen in dieser Geschichte, keiner dient der Behauptung einer metaphysischen Transzendenz.

          Selbst die Kamera strebt nach Licht

          Die religiöse Aufladung von Natur, Bergen, Bächen, Wolken war in den letzten Filmen von Terrence Malick unerträglich. Nach Cannes brachte er nun „A Hidden Life“, gedreht zum großen Teil in Südtirol mit einer Riege deutscher und österreichischer Darsteller, die meist mit je unterschiedlichem Akzent Englisch miteinander sprechen.

          August Diehl spielt den österreichischer Bauern Franz (eine reale historische Figur), der den Eid auf Hitler verweigert und schließlich geköpft wird. Bis es dazu kommt, vergehen im Kino drei Stunden. Die Natur wird hier zur Kathedrale, in der Gott wohnt, jedes Bild scheint ihn anzurufen. Jede Anstrengung des Bauernlebens wird getragen nicht nur von einem bombastischen Soundtrack, sondern auch von der Kamera, die ans Licht strebt, die den Körpern weniger Aufmerksamkeit schenkt als Wasserfällen und Wolkentürmen und deshalb Arme, Köpfe, Beine der Figuren abschneidet, schräg kadriert oder an ihnen vorbeiwischt, um einen Augenblick goldenen Scheins auf den Weizenähren einzufangen. Ein Film darüber, was ein Gewissen und ein Glaube vermögen, das auch. Aber vor allem eine lange Anrufung von Malicks Gott.

          Das kann nur das Kino

          Ganz weltlich dagegen Almodóvar. Dass ein Film über einen alternden Filmemacher, der unter allen möglichen körperlichen Beschwerden die Arbeit aufgegeben hat und sich an sein Leben erinnert – dass ein solcher Film etwas anderes werden könnte als selbstbezüglich unangenehm, referenz- und reverenzgeladen mit vielem dergleichen seit Fellinis „8 ½“, war damit zu rechnen? Eher nicht.

          Doch Pedro Almodóvars „Dolor y Gloria“ war eine unerwartete Glückserfahrung, weil der große Spanier noch einmal alles aufruft, was er vom Kino, vom Begehren, vom Leben weiß und welche schrägen, bunten Formen er dafür gefunden hat. Antonio Banderas spielt den leidenden Filmemacher, Penélope Cruz in den Rückblenden seine Mutter – wobei die Rückblende in einer Weise eingesetzt wird, dass sich die Zeiten ohne Sprünge miteinander verbinden.

          Das kann, wenn kein Gott im Spiel ist, nur das Kino, indem es alle Zeiten im selben Augenblick im selben Film vereint. Hier wird niemand angerufen außer der Kunst, der Farben, hier ist ein Kuss wertvoller als ein Gebet. Almodóvar hat in Cannes einiges gewonnen, aber noch keine Goldene Palme. Dieses Jahr könnte es so weit sein, und wenn es dazu käme, wäre es unabhängig davon, was noch zu sehen sein wird, ein Fest.

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