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Kinofilm „The Wild Boys“ : Metamorphosen auf der Insel der Lust

  • -Aktualisiert am

Was geschieht mit uns? Fünf junge Nerds sind verwirrt über den unerwarteten Wandel ihres Geschlechts. Bild: Fotos (c) Bildstörung

In „The Wild Boys“ schickt Bertrand Mandico fünf Jungen auf eine Robinsonade, die Geschlechtsgrenzen wie Figuren im Sand zerfließen lässt. Doch an einigen Stellen lässt er seine Ideen zu statisch werden.

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          Die Insel der Lüste liegt in einer Welt weit hinter den Horizonten der Bourgeoisie. Sie ist nur zu erreichen auf einem Boot, das eine schwimmende Strafkolonie darstellt. Fünf Jungen nehmen in Bertrand Mandicos Film „The Wild Boys“ diese Passage. Sie haben ein schlimmes Verbrechen begangen: einen Ritualmord an ihrer Literaturlehrerin. Die Strafe für so ein Vergehen kann nur sein: Entfernung aus der Zivilisation. Als sich im Reisegepäck noch ein Buch von Shakespeare findet, fliegt es ins Meer. Der strenge Kapitän duldet keine andere Lektüre als die Hieroglyphen, die er auf den Unterarm tätowiert hat.

          Die Jungen, die auf hoher See zu Ordnung und Disziplin erzogen werden sollen, finden allerdings das ganze Gegenteil davon. Denn „The Wild Boys“ ist eine Phantasie über Grenzüberschreitungen aller Art. Vor zwei Jahren tauchte das eigenwillige Werk von Bertrand Mandico beim Filmfestival in Venedig auf, nun kommt es auch in Deutschland ins Kino: zu Recht, denn es stellt einen modernen Mythos dar, der perfekt in die Gegenwart passt. In eine Gegenwart, die mit der Fluidität der Geschlechter längst Ernst gemacht hat. Dass man inzwischen in Deutschland zu den geläufigen Kategorien Frau und Mann eine dritte Möglichkeit bekommen hat, ist nur ein juridischer und formaler Ausdruck für die Vielfalt an Übergängen in der „sexuellen Persönlichkeit“.

          Von dieser Vielfalt erzählt Mandico in einer schillernden Geschichte, die zugleich ein Abenteuer der Identität und der Form ist. Für das Abenteuer hat der aus Toulouse stammende Experimentalfilmer Anleihen bei einem Klassiker genommen: „Zwei Jahre Ferien“ von Jules Verne, eine Pubertäts-Gruppen-Robinsonade, die herkömmlich mit einer Rückkehr nach Hause endet. Für die stärker umstürzlerischen Ideen bezieht Mandico sich auf „The Wild Boys: A Bood of the Dead“ von William S. Burroughs, in dem eine homosexuelle Jugendbewegung die westliche Zivilisation überwinden will.

          Tatsächlich „profitieren“ die Jungen stärker von dem lasziven Klima

          Dazu kommen eine Vielzahl weiterer gewollter oder beiläufiger Assoziationen, von Musils Internatserzählung über den Zöglich Törleß bis zu René Daumals Expeditionsklassiker über den Berg Analog. Mandico bewegt sich souverän auch an den Grenzen der Moderne. Was sich dahinter verbirgt, ist dann eben ein Mythos, der in allen Facetten des Experimentellen schillert. Gedreht wurde auf dem französischen Überseeterritorium La Réunion, und von einer Wiedervereinigung kann man tatsächlich sprechen bei den Erlebnissen von Hubert, Jean-Louis, Tanguy, Sloane und Romuald. Sie vereinigen sich im Lauf der Reise mit sich selbst, sie erreichen einen Zustand jenseits (oder vor) der Geschlechterdifferenz. Zu Beginn sind sie noch typische Nerds, aus dem Ei gepellt, allerdings huldigen sie einem atavistischen Phantasiewesen, das sie zu einem Gewaltakt treibt.

          Auf dem Boot befinden sie sich in der Obhut von Kapitän Séverin, einem echten Seebären, der in den Jungen zuerst einmal Unterwerfungsphantasien auslöst: sie wollen die „Hunde des Kapitäns“ werden. Als sie die Insel erreichen, geraten sie in eine Landschaft, die wie eine Verschärfung von Karl Mays Sitara wirkt: ein Reich, in dem die Bäume Schwänze haben, aus denen man labende Milch nuckeln kann. Wer will, kann auch mit einem Strauch verkehren, der bereitwillig seine „Schenkel“ öffnet. Eine Dame tritt auf, die sich als die weibliche Gestalt des Kapitäns entpuppt: diese Séverine (Elina Löwensohn) gibt eine Parole aus. „Profitez des plaisirs“. Tatsächlich „profitieren“ die Jungen allmählich immer stärker von dem lasziven Klima. Sie beginnen, sich zu verändern.

          Und damit bekommt auch eines der davor rätselhaften Motive eine Erklärung: denn der Kapitän, dieses Mannsbild, hat eine weibliche Brust. Selbst an einem so vierschrötigen Exemplar der Gattung Mensch findet sich also delikate Anatomie. Damit ist das Vorzeichen für eine Metamorphose gesetzt. Die Jungen verändern sich, sie werden die, die sie immer schon waren, als die sie sich aber erst sehen (und zeigen) mussten.

          „Was geschieht mit uns?“

          Bertrand Mandico ist mit den einschlägigen Ästhetiken des queeren Kinos bestens vertraut. Er schließt an die Traditionen des amerikanischen Untergrunds aus den sechziger Jahren an, und im weiteren Sinn an einen Kanon des experimentellen Kinos, in dem die Spielarten der Identität mit transgressiven Valeurs des filmischen Materials in Verbindung traten. Das Kino ist nun einmal ein durchlässiges Medium, eine Lichtreflexion, eine Projektion. Mandico hat auf sechzehn Millimeter gedreht, der Großteil seines Films ist in Schwarzweiß, und so ruft er geschickt viele Klassiker auf, die seiner Sache dienlich sind: die Studioästhetik von Cocteau, die ethnographischen Séancen von Maya Deren, die „Flaming Creatures“ von Jack Smith und die Stummfilmträume von Guy Maddin, die Faunfiguren bei Matthew Barney.

          „Was geschieht mit uns?“ Das Staunen der Jungen, die an sich körperliche Veränderungen bemerken, ist auch ein Staunen, das sich auf das Medium selbst beziehen lässt. Mandico ist offensichtlich daran gelegen, das Kino selbst fluid werden zu lassen, ungreifbar wie das Geschlecht, das er in einem pointierten Spezialeffekt als Anhängsel, als Prothese, ausweist. Es wird schließlich in den Ozean geschwemmt, zurück bleiben Tomboys und ein Blondschopf, der sich der Feminisierung widersetzt.

          Die Insel erweist sich als Auster, die ein paar Perlen ausbrütet

          An ein, zwei Stellen lässt Mandico seine Ideen vielleicht zu ausdrücklich werden. Er lässt dabei erkennen, dass es ihm nicht einfach um eine pointierte Variante vieler Paradiesgeschichten geht, sondern dass er wirklich auf das Ganze gehen möchte: auf einen Gegenentwurf zu der abendländischen Zivilisation, die sich im Habitus der Jungen zu Beginn noch ganz im Geist einer schwarzen Pädagogik zeigt.

          Dagegen setzt er seine Vision einer belebten, anthropomorphen (vielleicht sogar: desiro- oder plaisiromorphen) Natur. Die Insel erweist sich als Auster, die ein paar Perlen ausbrütet. So richtig wild („sauvage“) ist diese Geschichte eigentlich gar nicht, aber sie hinterlässt einen Kitzel, den man im trauten Heim nachempfinden kann, indem man Hosenträger an Brustwarzen scheuern lässt und dabei an die Matrosenkostüme denkt, die einem ahnungslose Eltern in der Kindheit angezogen haben.

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