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Kinofilm „The Wild Boys“ : Metamorphosen auf der Insel der Lust

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Auf dem Boot befinden sie sich in der Obhut von Kapitän Séverin, einem echten Seebären, der in den Jungen zuerst einmal Unterwerfungsphantasien auslöst: sie wollen die „Hunde des Kapitäns“ werden. Als sie die Insel erreichen, geraten sie in eine Landschaft, die wie eine Verschärfung von Karl Mays Sitara wirkt: ein Reich, in dem die Bäume Schwänze haben, aus denen man labende Milch nuckeln kann. Wer will, kann auch mit einem Strauch verkehren, der bereitwillig seine „Schenkel“ öffnet. Eine Dame tritt auf, die sich als die weibliche Gestalt des Kapitäns entpuppt: diese Séverine (Elina Löwensohn) gibt eine Parole aus. „Profitez des plaisirs“. Tatsächlich „profitieren“ die Jungen allmählich immer stärker von dem lasziven Klima. Sie beginnen, sich zu verändern.

Und damit bekommt auch eines der davor rätselhaften Motive eine Erklärung: denn der Kapitän, dieses Mannsbild, hat eine weibliche Brust. Selbst an einem so vierschrötigen Exemplar der Gattung Mensch findet sich also delikate Anatomie. Damit ist das Vorzeichen für eine Metamorphose gesetzt. Die Jungen verändern sich, sie werden die, die sie immer schon waren, als die sie sich aber erst sehen (und zeigen) mussten.

„Was geschieht mit uns?“

Bertrand Mandico ist mit den einschlägigen Ästhetiken des queeren Kinos bestens vertraut. Er schließt an die Traditionen des amerikanischen Untergrunds aus den sechziger Jahren an, und im weiteren Sinn an einen Kanon des experimentellen Kinos, in dem die Spielarten der Identität mit transgressiven Valeurs des filmischen Materials in Verbindung traten. Das Kino ist nun einmal ein durchlässiges Medium, eine Lichtreflexion, eine Projektion. Mandico hat auf sechzehn Millimeter gedreht, der Großteil seines Films ist in Schwarzweiß, und so ruft er geschickt viele Klassiker auf, die seiner Sache dienlich sind: die Studioästhetik von Cocteau, die ethnographischen Séancen von Maya Deren, die „Flaming Creatures“ von Jack Smith und die Stummfilmträume von Guy Maddin, die Faunfiguren bei Matthew Barney.

„Was geschieht mit uns?“ Das Staunen der Jungen, die an sich körperliche Veränderungen bemerken, ist auch ein Staunen, das sich auf das Medium selbst beziehen lässt. Mandico ist offensichtlich daran gelegen, das Kino selbst fluid werden zu lassen, ungreifbar wie das Geschlecht, das er in einem pointierten Spezialeffekt als Anhängsel, als Prothese, ausweist. Es wird schließlich in den Ozean geschwemmt, zurück bleiben Tomboys und ein Blondschopf, der sich der Feminisierung widersetzt.

Die Insel erweist sich als Auster, die ein paar Perlen ausbrütet

An ein, zwei Stellen lässt Mandico seine Ideen vielleicht zu ausdrücklich werden. Er lässt dabei erkennen, dass es ihm nicht einfach um eine pointierte Variante vieler Paradiesgeschichten geht, sondern dass er wirklich auf das Ganze gehen möchte: auf einen Gegenentwurf zu der abendländischen Zivilisation, die sich im Habitus der Jungen zu Beginn noch ganz im Geist einer schwarzen Pädagogik zeigt.

Dagegen setzt er seine Vision einer belebten, anthropomorphen (vielleicht sogar: desiro- oder plaisiromorphen) Natur. Die Insel erweist sich als Auster, die ein paar Perlen ausbrütet. So richtig wild („sauvage“) ist diese Geschichte eigentlich gar nicht, aber sie hinterlässt einen Kitzel, den man im trauten Heim nachempfinden kann, indem man Hosenträger an Brustwarzen scheuern lässt und dabei an die Matrosenkostüme denkt, die einem ahnungslose Eltern in der Kindheit angezogen haben.

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