https://www.faz.net/-gqz-9l1wo

Filmkritik zu „Wintermärchen“ : Hat es schon genug geknallt?

Thomas Schubert als Tommi und Ricarda Seifried als Becky in einer Szene des Films „Wintermärchen“. Bild: dpa

Eine Frau, zwei Männer, Schusswaffen und Hass auf alles Fremde: Jan Bonnys Film „Wintermärchen“ handelt von einer rechten Terrorzelle. Er ist ein Wagnis und eine Zumutung.

          4 Min.

          Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an Donald Rumsfeld, der als amerikanischer Verteidigungsminister 2002 zum Erkenntnistheoretiker wurde, indem er über die Risiken des Golfkriegs sprach: „Es gibt bekannte Bekannte, es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wir wissen auch, dass es bekannte Unbekannte gibt, das heißt, wir wissen, es gibt einige Dinge, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannte – es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.“ Und es gibt manchmal, muss man hinzufügen, auch Dinge, die man nicht unbedingt wissen will, und solche, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man sie wirklich wissen möchte.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dazu gehören nicht die Details der Verbrechen des NSU und des Behördenversagens, über die Bescheid zu wissen politisch notwendig ist. Schon eher ist die Frage, ob man so genau erfahren möchte, welche Gruppendynamik sich entwickelt hat zwischen den drei untergetauchten Tätern, wie ein sogenanntes Privatleben aussieht, wenn man nicht nur gemeinsam Überfälle begeht und mordet, sondern auch zusammenlebt. Man sitzt mit dieser Frage im Film von Jan Bonny, den er ziemlich sarkastisch „Wintermärchen“ genannt hat und der ganz unverkennbar von dieser NSU-WG handelt, obwohl die drei Protagonisten anders heißen, aussehen und anderswo agieren als Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe.

          An die Schmerzgrenze

          Beantwortbar ist die Frage am Ende der zwei Stunden nicht, weil „Wintermärchen“ zu den Filmen gehört, die einem zusetzen, einen ekeln, anwidern, von denen man sich dennoch nicht abwendet, weil da jemand etwas riskiert, weil er auf die Schmerzgrenze des Publikums zielt, ohne dafür die üblichen Horror- und Splattereffekte zu benötigen. Vielleicht hätte man das alles lieber nicht gesehen, aber da man nun schon mal die Erfahrung gemacht hat, kann man sich auch damit auseinandersetzen, wie Bonny und sein Ko-Autor Jan Eichberg sich das Innenleben einer rechten Terrorzelle ausmalen.

          Zuerst sind da nur Tommi (Thomas Schubert) und Becky (Ricarda Seifried) und die entsättigten, fahlen Farben. Die werden bleiben bis zum Ende, als wäre in dieser Welt das ganze Jahr November. Tommi und Becky schießen im Wald, probieren selbstgebastelte Bomben aus, schreien einander an, der Sex klappt nicht mehr, der Aggressionspegel steigt, sie beschimpft ihn, er kann sich nur schlecht wehren. Labil sind sie beide, nur dass Becky das mit Geschrei, Gewalt und Vorwürfen überspielt und Tommi sich das gefallen lässt. Sie heulen, brüllen, küssen, schlagen, ficken – ohne dass da zunächst eine politische Aktion erkennbar wäre jenseits von ein paar rassistischen Sprüchen und Phantasien.

          Das ändert sich, als Maik (Jean-Luc Bubert) auftaucht, der älter ist, aggressiver, großmäuliger und den Macker raushängen lässt. Er demütigt Tommi, macht Becky an, schläft mit ihr, während Tommi sich vor verschlossener Tür einen runterholt. Sie überfallen einen türkischen Supermarkt: Tommi muss kotzen, während Maik zwei Menschen erschießt und dann wie ein Verrückter das Blut aufzuwischen versucht.

          Ein Rausch aus Mord, Sex und Alkohol

          Nach den Morden wird gegrölt, gesoffen, gefickt. Das ist krude, hässlich anzusehen – und hat doch in dieser Fusion, in diesem Sex-Alkohol-Mord-Rausch eine enorme Wirkung, weil das Ausrasten, das Reinsteigern, die ganze Psychodynamik einfach zu dem Trio passen. Sie ahnen düster, dass sie Loser sind, kompensieren es mit Gewaltausbrüchen und sind dann doch narzisstisch gekränkt: „Warum schreiben die nichts über uns?“, fragt Becky nach dem ersten Mord.

          Dass man als Zuschauer zu dem Zeitpunkt noch nicht ausgestiegen ist, hat vor allem mit den drei Darstellern zu tun, mit ihrer Energie und, ja, der Glaubwürdigkeit, mit der sie diese Figuren in ihrer Untergrundexistenz beleben. Es ist oft mehr, als man sehen will, aber es ist eben nie zu viel gespielt, wenn man sieht, wie Tommi wieder und wieder mit dem Feuerlöscher zuschlägt, wie Becky die gemeinsame Wohnung abfackelt und wie sie einander anschreien, was dann meistens auf der Matratze endet.

          Weitere Themen

          Die Rache ist kalt

          Sühnedrama im ZDF : Die Rache ist kalt

          Implodierende Verzweiflungsbilder: Im Sühnedrama „Wir wären andere Menschen“ übt Matthias Brandt Vergeltung für eine lange zurückliegende Tat. Kollateralschäden nimmt er gerne in Kauf.

          Topmeldungen

          Zur Verteidigung gegen China bereit: Taiwans Präsidentin  Tsai Ing-wen bei einer Militärübung.

          Chinas Konflikt mit Amerika : Nach Hongkong jetzt Taiwan?

          Auch die militärischen Spannungen zwischen China und Amerika nehmen gefährlich zu. Ein gewaltsamer Konflikt der beiden Supermächte im südchinesischen Meer scheint nicht mehr ausgeschlossen.

          Neuer und Flick mahnen : Die gefährliche Lage beim FC Bayern

          Vor den entscheidenden Spielen in der Champions League herrscht beim FC Bayern große Zuversicht. Doch es gibt auch kritische Töne. Torhüter Manuel Neuer äußert sich derweil zu seinem umstrittenen Urlaubsvideo.
          Demo am 1. August in Berlin

          „Querdenken 711“ : Und wieder die Politiker!

          Eine Initiative peitscht Bürger in der Corona-Pandemie auf, um sie zu ihren Demos zu locken. Doch angebliche Belege sind gefälscht, Fotos aus dem Zusammenhang gerissen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.