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„Rocketman“ über Elton John : Großbrand in der Feuerwerksfabrik

Alles glitzert: Taron Egerton als Elton John in „Rocketman“ Bild: Paramount Pictures

Glitzer, Drogen, Sex und Einsamkeit: „Rocketman“ zeigt das Leben des Popstars Elton John so klischeekonform, dass es schon wieder überraschend ist.

          Der „Observer“ zitierte jüngst einen Eintrag aus Elton Johns Tagebuch der siebziger Jahre: „Woke up, watched Grandstand. Wrote Candle in the Wind. Went to London, bought Rolls-Royce. Ringo Starr came for dinner.“ Nichts von diesen konkreten Ereignissen kommt im Biopic „Rocketman“ vor, aber der Eintrag und der Film haben eines gemeinsam: Sie kondensieren, was man sich unter dem Leben eines britischen Rockstars so vorstellt, so klischeekonform, dass es schon wieder überraschend ist.

          Allerdings fügt der Film auch die dunklen Seiten hinzu. Vom ersten Moment an, als Elton John (Taron Egerton), verkleidet wie ein glitzernder Paradiesvogel, zum Refrain von „Goodbye Yellow Brick Road“ in eine Entzugsklinik marschiert, weil er nach ungefähr allem süchtig ist, sind die Weichen gestellt: Der Film verläuft stimmungsmäßig in hohen Wellen. Der Sänger landet in einer Therapiegruppe und erzählt dort sein Leben nach, seine musikalischen Erfolge, seine enge Freundschaft zu seinem Songwriter Bernie Taupin (Jamie Bell), seine unglückliche Liebesbeziehung zu seinem ausbeuterischen Manager John Reid (Richard Madden) und, das vor allem, seine Kindheit mit einer distanzierten Mutter und einem eiskalten Vater. Dazwischen werden seine Hits serviert, in leicht veränderten Arrangements und großartig gesungen von Taron Egerton, der ihnen seinen eigenen Stempel aufdrücken durfte und nicht einfach nur wie Elton John klingen musste – das hat „Rocketman“ dem Freddie-Mercury-Film „Bohemian Rhapsody“ voraus, mit dem er sich natürlich vergleichen lassen muss und bei dem ebenfalls Dexter Fletcher Regie führte.

          Die Mischung aus alldem wirkt wie ein Großbrand in einer Feuerwerksfabrik: glitzernd und bunt, aber auch erschütternd. Magischer Realismus lässt Elton John und sein Konzertpublikum über den Boden schweben, die Musicalszenen stolpern manchmal in die Handlung hinein, ohne anzuklopfen, sind aber musikalisch so gelungen, dass man ihnen den Überfall schnell verzeiht. Dafür möchte man den lieblosen Eltern ebenso wenig verzeihen, wie Elton John es offenkundig getan hat – sonst gäbe es im Film kaum die herzzerreißende Szene bei der neuen Familie des Vaters, der die kleinen Halbbrüder durchaus lieben kann, nur seinen Ältesten immer noch nicht. Und auch nicht jene Szene, in der die Mutter ihn in einem Restaurant ankeift, er sei eine schreckliche Enttäuschung, weil ihm sein Erfolg nur so zugefallen sei.

          Aber auch für Selbstkritik ist Platz in „Rocketman“; die Rahmenhandlung in der Gruppentherapie, wo die Fassade immer weiter bröckelt, spricht da für sich. So heikel es grundsätzlich ist, ein Biopic über lebende Personen zu drehen, so sehr lohnt es sich, wenn sie zur Reflexion fähig sind: Es gibt keinen Grund, einen Popstar immer nur glänzen zu lassen, wenn er offen zugibt, dass das nicht der Realität entspricht. Das ist eine wichtige Lehre für ein Genre, dessen Höhenflug gerade erst begonnen hat – daran merkt man deutlich, dass Hollywood jetzt in der Hand einer bestimmten Generation ist. Als Nächstes ist ein Film über Boy George geplant.

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