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„Die Misswahl“ im Kino : Schönheit und Krawall

Wollen mehr als stereotypen Rollenbildern folgen: Die Londoner Feministinnen Jo (Jessie Buckley, rechts) und Sally (Keira Knightley) Bild: dpa

1970 in London: Feministinnen stürmen die Wahl der „Miss World“, und die Frau, die dann den ersten Platz gewinnt, ist nicht weiß. Der Film „Die Misswahl“ erzählt die Geschichte hinter dem Skandal mit Keira Knightley und Gugu Mbatha-Raw in den Hauptrollen.

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          Wenn Filme „auf einer wahren Geschichte“ beruhen, so sind die schönsten Momente darin für gewöhnlich solche, die in Wirklichkeit nie stattgefunden hätten. Im Film „Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution“ ist der beste die Begegnung der britischen Frauenrechtlerin Sally Alexander mit der frisch gekürten „Miss World“ Jennifer Hosten in einem Badezimmer. Man schreibt das Jahr 1970, und Alexander hat gerade mit einer Handvoll Mitstreiterinnen den Grundstein für die neue britische Frauenbewegung gelegt. In der Londoner Royal Albert Hall haben sie während der Fernsehliveübertragung des „Miss World“-Schönheitswettbewerbs mit Mehl, Wasserpistolen und lauten Parolen, die das Treiben als „Viehmarkt“ bezeichneten, für Tumult gesorgt, bis sie von Polizisten aus dem Saal geführt wurden.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Kurz darauf fand der zweite Skandal des Abends statt: Jennifer Hosten von der Karibikinsel Grenada, damals noch britische Kolonie, gewann als erste nichtweiße Frau die Krone der Misswahl. Was hätten sich die beiden Frauen, die Feministin und die Miss, wohl zu sagen gehabt? Regisseurin Philippa Lowthorpe lässt Keira Knightley als ernste Frauenrechtlerin und Gugu Mbatha-Raw als selbstbewusste Karibikschönheit vor einem altrosa Toilettenspiegel aufeinandertreffen. Während Alexander argumentiert, dass Frauen nicht nach Äußerlichkeiten bewertet werden sollten, hält Hosten dagegen, dass sie sich als Vorbild für junge Mädchen sieht, die nicht der weißen Norm entsprechen, und gibt den Seitenhieb hinterher, dass diese Mädchen sich über die Wahlmöglichkeiten freuen würden, die Alexander für selbstverständlich hält.

          Zehn Jahre Recherche

          Das Team um Produzentin Suzanne Mackie hat zehn Jahre lang für den Film recherchiert, mit Augenzeugen gesprochen und Archivmaterial gesichtet, Originalaufnahmen sind zu sehen, dazwischen hat Drehbuchautorin Rebecca Frayn immer wieder Humorakzente gesetzt, etwa wenn die Frauenrechtlerinnen sich für die Royal Albert Hall in Schale werfen („Ich sehe aus wie das Sofa meiner Mutter“).

          Nebenbei zeichnet „Die Misswahl“ das Bild der britischen Gesellschaft im Umbruchjahr 1970, nimmt mit der Alexander-Figur nicht nur die Frauengeneration in den Blick, die Bedingungen schaffen wollte, um Studium, Job und Kinder miteinander vereinbaren zu können, sondern auch die Generation von Alexanders Mutter kommt zu Wort. Und da gute Kunst die Wahrheit nicht platt dokumentiert, sondern analysiert, verdichtet und zu etwas Eigenem zusammensetzen muss, stehen einander im schönsten Moment des Films eben zwei Frauen gegenüber, die merken, dass sie das gleiche Ziel haben, das sie bei allen Differenzen nur gemeinsam erreichen werden.

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