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Kino: „Bevor der Winter kommt“ : In der Schlinge des Lebens

Das, was da so zerknittert und bröselig aussieht, mein Kind, das nennt man die Zeit: Daniel Auteuil (links) erklärt die natürliche Alterung. Bild: UGC Distribution / Fabrizio Malteze

Ein Mann in der Mitte seines Lebens: Er weiß genau was ihn erwartet. Dennoch fürchtet er sich. Philippe Claudels Film „Bevor der Winter kommt“ zeigt das Herzflimmern eines Gehirnchirurgen.

          3 Min.

          Es gibt Schauspieler, die wie Spiegel des eigenen Lebens sind: In ihren Auftritten sieht man die Jahre, die vergingen, ebenso wie die Jahre, die kommen. Daniel Auteuil hat schon in Michael Hanekes „Caché“ vor acht Jahren eine Behäbigkeit ausgestrahlt, die man an ihm nicht gewohnt war, und wenn man Auteuil jetzt in Philippe Claudels neuem Film erlebt, fragt man sich, was aus dem Mann geworden ist, der in „Meine liebste Jahreszeit“ vom Balkon springt und in „Die Frau auf der Brücke“ Vanessa Paradis mit Messern bewirft. Sein Blick ist, wenn er will, noch so unruhig wie früher, aber sein schwerer gewordener Körper läuft dabei nicht mehr mit. Es ist, als hätte er Zeit angesetzt wie ein Baum Jahresringe.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bei Claudel spielt Auteuil einen Mann, der vom Leben nichts mehr erwartet. Paul ist Gehirnchirurg, und er weiß, was in den nächsten Jahren kommen wird: Nachtdienste, Tagdienste, Notfälle, Operationen, dann der Ruhestand. Mit seiner Frau Lucie, die die gemeinsame Villa hütet und den Garten pflegt, hat er einen Sohn, und vor kurzem ist er Großvater geworden. Wenn Paul den Kinderwagen durchs Grüne schiebt, liest man in seinem Gesicht, wonach er sich sehnt, ohne es sich einzugestehen - und wovor er sich zugleich am meisten fürchtet: einer Begegnung, die ihn aus seiner Lethargie herausreißt. Dem Sturm vor dem Winter.

          Es braut sich etwas zusammen

          Kristin Scott Thomas, die in Claudels Kinodebüt „So viele Jahre liebe ich Dich“ die Hauptrolle hatte, spielt Lucie, und damit ist klar, dass es in „Bevor der Winter kommt“ vor allem um diese beiden geht: ein Ehepaar im Herbst des Lebens, das vor der Wahl steht, ob es seine Einsamkeit teilt oder verdoppelt. So viele Jahre liebten sie sich. Jetzt nicht mehr. Dazu kommt Gérard (Richard Berry), ein Psychiater, der mit beiden befreundet und in Lucie auf wehmütige Weise verliebt ist. Es ist mehr eine Erinnerung als ein Gefühl; aber sie hält das Dreieck unter Spannung.

          Dann wird Paul in einem Café von einer jungen Frau hinter dem Tresen angesprochen, und die Geschichte beginnt. Er trifft Lou (Leïla Bekhti) in der Oper wieder - gespielt wird „La Bohème“ - und glaubt sie später in einer Prostituierten auf dem Straßenstrich zu erkennen; zugleich bekommt er ständig Rosensträuße geschickt.

          Als er Lou in einem Blumenladen und danach vor der Praxis von Gérard trifft, läuft er ihr nach und beschimpft sie. Sie wehrt sich, er bereut und ruft sie an. Damit ist Paul am Haken. Kein Wunder, dass seine Hände zu zittern beginnen, so dass er seinen Platz im Operationssaal einer jungen Kollegin überlassen muss.

          „Ich habe nie von etwas geträumt“

          Man muss nicht lange suchen, um zu erkennen, dass Philippe Claudel, wie er in Interviews zugibt, ein Verehrer Claude Sautets ist: Das Freundesdreieck, der alte Mann und die junge Frau, die Frage, was vom Leben übrig bleibt, das alles sind klassische Sautet-Motive. Aber Claudels Film ist nicht nur eine Hommage, sondern auch eine Aktualisierung von Sautets Kino. Beim Abendessen kanzelt Paul seinen Sohn ab, weil der nur die Reichen reicher und die Armen ärmer mache. Lou wiederum stammt aus Marokko, wohin sie ihren Eltern regelmäßig Geld schickt. „Bevor der Winter kommt“, könnte man sagen, ist ein Sautet-Film für die Leser von Thomas Piketty, ein Vehikel für die neuesten Stimmungen und Ängste im Westen. Anders als bei Sautet spielt die Geschichte auch nicht in Paris, sondern in der Provinz; die Außenaufnahmen entstanden in Luxemburg. Ganz in der Nähe, in Nancy, lehrt Claudel am Europäischen Institut für Kino und Medien, und zwischen seinen Filmen schreibt er Bücher wie den Weltkriegsroman „Die grauen Seelen“.

          Dass er Schriftsteller ist, merkt man seinen Dialogen an, die die Unschärfe der Situation gestochen scharf auf den Punkt bringen, so wie das Cinemascope-Format den Figuren Raum gibt, auf Abstand zu gehen, sich wiederzufinden und abermals zu verlieren. „Bevor der Winter kommt“ beginnt und endet im Kommissariat, und diese Kreisform ist die einzige Schwäche des Films. Man braucht nicht zu wissen, dass es Tote geben wird, um zu spüren, dass der Tod in der Luft liegt: mindestens der einer Liebe. Vor allem aber das Ende der Illusion, dass sich so spät im Leben noch nachholen lässt, was einer wie Paul in früheren Jahren verpasst hat.

          „Ich habe nie von etwas geträumt“, sagt Paul einmal. Und dann: „Sie hat mich gerührt.“ Zwischen diesen beiden Sätzen liegt das Drama, von dem Claudels Film erzählt. Und so, wie Daniel Auteuil die Verstrickung des Gehirnchirurgen spielt, begreift man, dass der Tod für Paul keine Lösung ist. Sondern nur die Zeit.

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