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Filmkritik „Ich bin dein Mensch“ : Das liebende Herz schlägt halbautomatisch

Der schönste Tanz hat Regeln: Dan Stevens und Maren Eggert. Bild: dpa

Komik, Technik, Phantastik und die ganz großen Menschheitsfragen: Maria Schraders Science-Fiction-Dramakomödie „Ich bin dein Mensch“ macht mehr richtig als die beste Maschine.

          4 Min.

          Die lustigsten Filme handeln von ernsten Sachen. Ihr bestmögliches Ende ist offen, und zwar so, dass der Kopf, der zuschaut, dieses offene Ende nicht gleich nach dem Abspann heimlich wieder schließt. „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader weiß beides. Der Film erzählt entsprechend mehrstimmig die Geschichte der Archäologin Alma, die ein paar Wochen mit dem Roboter Tom verbringen soll, damit dieser sich im Vollzug interaktiven Maschinenlernens mehr und mehr ihren Vorstellungen vom idealen Liebespartner anschmiegt. Es handelt sich allerdings um einen Testlauf; Alma ist Probandin, nicht Kundin, ihre Versuchsteilnahme will auf unromantische Vorteile hinaus, so mag sie den Ablauf nur halbwegs würdewahrend irgendwie hinter sich bringen.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Maren Eggert spielt diese Alma folgerichtig mit angemessen irritabler Distanz zur anstrengenden Situation, während Dan Stevens als Tom jedes Tastfeld seines Rollenmenüs unterwegs zum raffinierten Finale mindestens einmal antippt: Künstliche Intelligenz, seelische Interferenz, wie’s jeweils gebraucht wird.

          Dass die Berliner Museumsinsel und ein Ferienort im nahen Ausland die Zentren der Handlungstopographie sind, verrät Maßarbeit: Stätten der Forschung, Lehre und Erholung liegen halt weit genug ab vom Alltag des Publikums, um für nichts Gegenwärtiges zu stehen, und dürften sich ihren Zwecken gemäß bis zu der nahen Zukunft, um die’s geht, nicht allzu sehr verändern.

          Auch sonst arbeitet der Film mit subtilen Vergleichseinladungen zwischen Stimmungsebenen, bis in die Soundtrackfeinheiten: Ein Szenario der Täuschung ist mit aufdringlichem Swing tapeziert, Momente der Wahrheit dagegen hören sich an, als wäre ihre Musik erst noch auf der Suche nach der passenden Melodie.

          Schrader kann Filmphantastik

          Maria Schrader kann Filmphantastik (das heißt: kinematographische Darstellung von Welten, die sich mit keiner Erfahrungswirklichkeit decken) außer als Regisseurin auch als Schauspielerin denken (man darf sehr viel übers Genre lernen, wenn man ihr dabei zuschaut, wie sie in Tom Shanklands China-Miéville-Verfilmung „The City & The City“ aus dem Jahr 2018 durchlässige Realitätsgrenzen kreuzt) und versteht schon von daher, was sie von ihrem Ensemble für „Ich bin dein Mensch“ verlangen muss.

          Kann auch lächeln wie vorgedruckt: Sandra Hüller (rechts)
          Kann auch lächeln wie vorgedruckt: Sandra Hüller (rechts) : Bild: Christine Fenzl

          Die Leute liefern das glänzend: Maren Eggert mixt riskanteste Gefühlsmischungen zusammen, „skeptisches Überwältigtsein“ zum Beispiel (schon beim ersten Tanz mit der Maschine); Dan Stevens veredelt die erstaunliche schauspielerische Bandbreite, die er für den Part des tief zerrissenen Übermenschen David Haller in der Serie „Legion“ entwickelt hat, mit minimalistischen Tics, deren Artistik desto buntere Funken schlägt, je dezenter er sie einsetzt; und Sandra Hüller in einer entscheidenden Nebenrolle kann nicht nur, wie die Welt längst weiß, sowieso alles, sondern, wie man sieht, neuerdings auch noch lächeln wie vorgedruckt und fragen wie nicht ganz da – sie spielt hier eine Art Formular, und zwar überzeugender als Drucksachen und Dateien das tun, die reale Firmen und Ämter produzieren.

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