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Neue Filme in Cannes : Eine nahe schlimme Zukunft weit entfernt

„Bacurau“ von Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles handelt von einem verschwindenden Ort. Bild: EPA

Bei einem alljährlich stattfindenden Filmfestival kann das Kino zeigen, wie es zeitgeschichtliche Vorgänge erzählt. „Les Misérables“ aus Frankreich und „Bacurau“ aus Brasilien setzen dabei Maßstäbe.

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          An den ersten Tagen nach der Eröffnung geht es beim Festival meistens besonders welthaltig zu. Möglicherweise ist das Zufall, wie so vieles bei der Programmplanung, und hat damit zu tun, ob die Filme fertig sind und die Filmemacher verfügbar, ihren Gang zur Gala anzutreten. Oder ist es doch Konzept? Um die harten Themen der Welt neben all dem Glamour gleich frontal anzugehen und zu sehen, wie (und ob überhaupt) sie ausstrahlen, dem Festival ein Leben einhauchen, eine Debatte schenken oder wenigstens Gewicht?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dieses Jahr lief das so: Nach den Hummern des Eröffnungsdinners kam ein Film aus den Pariser Vorstädten, wo sich verschiedene autoritäre Systeme miteinander verhaken, die Polizei, die jenseits des Gesetzes agiert, die Muslimbrüder, die Drogendealer und einer, der sich „Bürgermeister“ nennt und versucht, Gefälligkeiten auszubalancieren und eine halbwegs geordnete Lage hinzukriegen, bei der seine Leute in Sicherheit sind und für ihn etwas abfällt. „Les Misérables“ heißt der Film passenderweise, obwohl er mit Victor Hugos Roman weiter nichts zu tun hat außer dem Schauplatz Montfermeil, einem Vorort von Paris. Da geht es los, mit einer Energie, die der Regisseur Ladj Ly immer weiter hochdreht – von der Begeisterung bei der Fußballweltmeisterschaft am Anfang bis zu einem Gettoaufstand, mit dem der Film endet. Vor mehr als zwanzig Jahren hat Mathieu Kassovitz mit „La Haine“ zum ersten Mal die Lage in den Pariser Vorstädten ins Kino gebracht. Seitdem ist dort, so sieht es aus, das meiste schlimmer geworden, und immer noch sind die Männer (auch wenn auf der Polizeistation eine zynische Frau das Sagen hat) unter sich. Ihre Sprache ist vollständig kontaminiert von Gewalt, Angst und Lust an der Macht, jeder Satz eine Drohung, die selten zurückgenommen wird, fast jedes Wort eine Beleidigung. Die Anlässe für die Eskalation? Ein gestohlenes Löwenbaby. Und ein mit einer selbstgebauten Drohne gefilmtes Beweisstück von einem brutalen Polizeieinsatz. Das Ende bleibt offen, aber die Musik wummert noch eine Weile weiter, nachdem die Leinwand dunkel ist, in einer Frequenz, die direkt in den Magen geht.

          Gibt es einen Ort, von dem Cannes noch weiter entfernt ist als von den Vorstädten von Paris? Vermutlich der Nordosten Brasiliens, und angesichts der aktuellen Entwicklungen in dem Land scheint es dringend, dort genau hinzuschauen. Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles haben lange daran gearbeitet, das Dorf zu erfinden, das ihrem Film den Namen gibt: „Bacurau“. Das ist ein Wort mit, so heißt es, im Portugiesischen vielen Bedeutungen, die alle etwas Geheimnisvolles an sich haben sollen, so wie der Nachtvogel mit perfekten Camouflageeigenschaften, der auch so heißt. Der Film führt „ein paar Jahre in die Zukunft“, was ein paar schrottige Werbemittel in dieses Hinterland bringt, ansonsten aber nur bedeutet: Ganz dort, ganz in diesem Herzen der Finsternis, in das dieser Film führt, ist die Menschheit noch nicht angekommen, aber fast. Es geht um eine Menschenjagd, eine Art Safari für reiche Amerikaner. Ihr Anführer, besser: ihr Tourguide, ist Udo Kier in der besten Rolle, die er seit längerem gespielt hat. Es dauert eine Weile, bis klar wird, warum Bacurau zeitgleich mit dem Tod der Matriarchin von der Landkarte verschwindet. Auf keinem GPS mehr auffindbar ist. Warum der Mobilfunkservice gestört ist und schließlich auch das Licht ausfällt. Wer den Wassertanker beschossen hat und was es mit der Drohne auf sich hat, die wie eine fliegende Untertasse über das Gelände schwebt und sondiert, wer wo gerade ist. Dass es kein Wasser gibt oder nur manchmal, ist allerdings nicht die Schuld der Amerikaner, jedenfalls nicht dieser. Ein Mann, der sich wählen lassen will, kommt ins Dorf und wird verjagt. Immerhin lässt er ein paar Lebensmittel da, die ihr Verfallsdatum hinter sich haben.

          Es ist alles drin in diesem Film, der beginnt wie eine Mischung aus apokalyptischem Roadmovie und Django, dem Mann mit dem Sarg. Särge spielen überhaupt eine nicht zu unterschätzende Rolle, und sie werden auch dringend gebraucht. Für eine Weile geht es wie im Western weiter, allerdings mit zahlreichen Bezügen zu den Banditenfilmen des brasilianischen Kinos, und als eine Figur namens Lunga zu Hilfe gerufen wird, nimmt der Film eine Wendung ins Slasher-Genre. Doch trotz dieses Gewebes cinephiler Bezüge bleibt der Film nicht im Selbstbezüglichen hängen, sondern öffnet einen ganzen Sack von Fragen, die jenseits des Kinos liegen. Welche Traditionen sind in diesem Teil Brasiliens tatsächlich lebendig, was sind das für Drogen, die sich die Menschen in den Mund schieben und die das Bild manchmal wegkippen lassen oder ganz kurze Erinnerungsschübe auslösen, was hat es mit den für die Landschaft tödlichen Dämmen auf sich, und wie entsteht eine Figur wie Lunga, die offensichtlich gemixt wurde aus alten Mythen und Popkultur und manchmal eine Frau ist? „Bacurau“ ist voll von Details, die die Neugierde auf weitere Details wecken.

          Nicht genau zu wissen, in welchem Kontext steht, was da zu sehen ist – das ist eine der grundlegenden Erfahrungen bei Filmfestivals. Eine der wertvollsten auch. Die Welt ist größer als Cannes. Wichtiger auch. Nicht immer ist das hier zu sehen. In diesem Jahr gleich am Anfang aber schon.

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