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Filmkritik „Adam und Evelyn“ : Als die DDR verschwand

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Florian Teichtmeister (vorne), Lena Lauzemis, Anne Kanis und Milian Zerzawy. Bild: Neue Visionen Filmverleih

Andreas Goldsteins erstaunlicher Film „Adam und Evelyn“ nimmt sich Zeit: Er erzählt in lakonischem Tonfall von Adam und Evelyn, die mit Schildkröte und Oldtimer in den Westen fahren – eine tiefstapelnde Utopie in Zeitlupe.

          Ein blauer Wartburg, Baujahr 1961, mag im Jahr 1989 nicht ganz das ideale Fluchtfahrzeug aus der DDR gewesen sein. In Andreas Goldsteins Film „Adam und Evelyn“ passt die „Klapperkiste“ aber perfekt. Denn die epochalen Ereignisse der Wende haben die Welt gleichsam im Schnelldurchlauf ereilt. Nun, eine Generation später, scheint es sinnvoll, sie noch einmal in Zeitlupe zu durchlaufen. Denn es sind noch ein paar Fragen offen. Vor allem die entscheidende: Was genau ist damals eigentlich passiert, als die DDR zu verschwinden begann?

          Der Lenker des Wartburg trägt den bürgerlichen Namen Lutz Frenzel. Sein Rufname ist Adam, aus Gründen, über die man schöne Spekulationen anstellen kann. Adam ist eine Figur aus dem Roman „Adam und Evelyn“ von Ingo Schulze, erschienen 2008. Sein Leben im Sommer 1989 gleicht einem Idyll.

          Er ist Schneidermeister mit einem Atelier im Grünen, seine Kundschaft ist überwiegend weiblich, manche Frauen lassen sich im Garten dann auch noch fotografieren, mit neuem Kleid oder ohne. Und manchmal in den Schuhen von Evelyn. Die empfindet das zu Recht als Übergriff, denn sie möchte weder ihre Schuhe noch ihren Lebensgefährten mit anderen Frauen teilen.

          Adam und Evelyn zwischen Paradies und Sündenfall

          Sie möchte lieber mit Adam nach Ungarn, zum Urlaub an den Plattensee. Was das in diesen Wochen bedeutete, muss nicht ausführlich in Erinnerung gerufen werden. Über Ungarn führte damals einer der ersten Wege in den Westen, bei den diplomatischen Vertretungen der BRD in den sozialistischen Bruderländern schlugen unzufriedene Bürger der DDR erste Breschen in die Reiseunfreiheit.

          Evelyn ist Kellnerin, sie träumt aber von einem Studium der Kunstgeschichte. Weil Adam sich anstellt, fährt Evelyn schließlich mit einem anderen Wagen: einem West-Auto, picobello und sicher mit gerade einmal ein, zwei Jährchen in den Felgen. Es gehört einem Schönling namens Michael, der Evelyns Freundin den Hof macht.

          Michael ist einer, der zu Evelyn sagt: „Am liebsten wäre ich jetzt mit dir in New York.“ Oder: „In Rio kann man zu Weihnachten im Meer baden.“ Oder: „In vierzig, fünfzig Jahren haben wir das Meiste im Griff.“ Er meint den Tod. Als Zellbiologe arbeitet er an der Abschaffung des Todes, inzwischen sind von den vierzig, fünfzig Jahren allerdings schon dreißig vergangen.

          Nicht immer sind es die Zauderer, die zurückbleiben: Florian Teichtmeister als Adam. Bilderstrecke

          Das heißt aber nicht, dass Ingo Schulze oder Andreas Goldstein sich über diesen Michael lustig machen würden. Dazu ist der Tonfall des Buches und des kongenialen Films viel zu lakonisch. Michael kommt aus einem Land, in dem es jederzeit möglich ist, alles hinter sich zu lassen, aber die wenigsten haben das konkret vor. Evelyn hingegen ist von diesem Pathos beseelt: „Ich würde so gern alles hinter mir lassen.“

          Adam ist in dieser Geschichte das retardierende Moment. Er steht sicher nicht für die DDR von Honecker und Mielke. Er steht für etwas an der DDR, was sich vielleicht wirklich nur in einer Variation des Paradiesmythos erzählen lässt. Der Kommunismus hatte die Sache mit dem Paradies ja umgedreht und es hinten an die Geschichte drangestoppelt, als utopischen Horizont.

          In der Version in der Bibel, die Adam und Evelyn in einem Hotelzimmer in Österreich finden, entdecken sie aber nur die Sache mit dem Sündenfall. Es wird also zunehmend unklarer, wo vorne und hinten ist (historisch gesehen), und so ist es letztlich passend, dass Adam sich im Westen anstellt wie „der erste Mensch“.

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