https://www.faz.net/-gqz-9oamv

Neuer Film von Alexander Kluge : Wenn die Weltseele aus der Steckdose kommt

  • -Aktualisiert am

Wo ist die Dunkelheit geblieben? Nach der Erfindung der Glühbirne war die Welt nicht mehr dieselbe. Bild: dctp

Kleine Taschenlampe brenn’: Der neue Film von Alexander Kluge „Happy Lamento“ leuchtet tief und stellt untergründige Verbindungen her.

          Es werde Licht. Mit diesem Dekret begann einst die Erschaffung einer Welt, von der jedenfalls die hebräische Bibel glauben machen will, dass es die unsere ist. Also die Welt der Menschen, eine intelligent entworfene Anordnung, in der es sich einige Zeit ganz gut Krone der Schöpfung sein ließ. Woher im Kosmos das Licht kommt, ist ein eigenes Tohuwabohu von Überlegungen wert. Für den Filmemacher und Universaltheoretiker Alexander Kluge lässt sich die Geschichte anscheinend in zwei Phasen teilen: in eine vor und in eine nach der Erfindung der Glühbirne. Denn mit dem elektrischen Licht kam etwas Neues in die Welt, und wohl nicht zufällig folgte das Kino mehr oder weniger auf dem Fuß. Seither gibt es im großen Strahlen des Seienden ein Hintergrundleuchten, eine Art Taschenlampe, mit der die Menschen ihr eigenes, technisches Licht machen. Dunkelheit ist Mangelware geworden, seit in den Städten die Menschen mit Leuchtreklame beschossen werden. Gelegentlich regt sich seither Widerspruch gegen das Fiat Lux. Es werde bitte schön gelegentlich auch wieder finster.

          Bei diesem Wunsch muss man aber vorsichtig sein, denn im übertragenen Sinn geht er ja ständig in Erfüllung. Man darf sich nicht wundern, wenn jemand wie Alexander Kluge über der menschlichen Nacht einen Blutmond aufgehen sieht. So geschieht es in seinem neuen Film „Happy Lamento“. Der Blutmond ist zwar ein Reflexionsphänomen, aber auch eine Allegorie. Wer auf das schaut, was die Menschen seit dem ersten Lichtdekret gemacht haben, wird von Erhellungsmetaphern eher Abstand nehmen.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          „Happy Lamento“: Da führt einer glückliche Klage. Ein Berufener. Alexander Kluge, den von seinem 90. Geburtstag nur noch knappe drei Jahre trennen, hat nicht nur einen Gutteil der historischen Spanne seit der Erfindung der Glühbirne und des Kinos selbst erlebt, er hat auch wie kaum jemand anderer die entsprechende Mediengeschichte in sein Werk aufgenommen. Nun blickt er auf das Ganze und entnimmt ihm Teilmengen in Form von Themen: Zirkus, elektrisches Licht, Blue Moon, Manila. Das wirkt ein bisschen surrealistisch, wie da das Unvermutete mit dem Übersehenen zusammengeführt wird, enthält aber eine höhere Gerechtigkeit: Kluges Universalhistorie lebt von Gegensätzen und macht sie poetisch. Es ist eine altmodische Geste vom Weltgeist, dass er es zuletzt zwei alten, weißen Männern erlaubt hat, mit Filmen eine Summe des Nichteinholbaren zu geben: Jean-Luc Godard mit „Bildbuch“ und Kluge mit „Happy Lamento“ haben Testamente vorgelegt, die höchst subjektiv und zugleich dezidiert überindividuell sind. Zwei Collagen über das Bild-Ton-Gedächtnis der Menschheit, die als Ziel den Sinn der Geschichte haben. Assoziationen überwinden schlechte Unendlichkeit.

          In „Happy Lamento“ sieht das zum Beispiel so aus, dass eine kleine Überlegung über die neuere Warengesellschaft (wie geht es eigentlich den Produkten, die im Regal liegenbleiben?) direkt in die Magenwände des Komponisten Wolfgang Rihm führt, der vielleicht doch besser eine Flasche Dyspio gekauft hätte. Weil er das aber versäumt hat, zwingen ihn nun mehr oder weniger seine Eingeweide zu der Komposition einer subtilen Trauermusik. Die dann wiederum gut zum Generaltenor von „Happy Lamento“ passt.

          Einer der berühmtesten Filme von Alexander Kluge trägt den Titel „Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“. Er stammt aus dem Jahr 1968, und schon damals hielt Kluge gegen den ideologisierten, geschichtstheoretischen Optimismus der Studentenbewegung seinen antitotalitären Enzyklopädismus. Bei ihm konnte alles immer etwas anderes bedeuten.

          Vom Zirkus führte damals ein Weg ins Fernsehen, und so war es dann auch bei Kluge selbst, der mit seinen Bildungssendungen, die er den Privatsendern mit Hilfe der Mediengesetzgebung untergejubelt hatte, in spätnächtlichen Formatfenstern eine Volkshochschule der besonderen Art etablierte: Wissen und Parawissen gingen in den DCTP-Sendungen ständig ineinander über. „Happy Lamento“ greift einige Momente aus diesem Zusammenhang noch einmal auf: Heiner Müller sinniert über ein Zitat des vergessenen Dichters Werner Riegel („Schön ist der Mond über Polen einen Genickschuss lang“), Peter Berling macht sich als General Suslow darüber Gedanken, ob die Pariser Commune wirklich Elefanten gegen Preußen ausschickte, und Helge Schneider präsentiert sich als „Lichtschlangenmensch“.

          Wenn die Weltseele tatsächlich aus der Steckdose kommt, wie es an einer Stelle in „Happy Lamento“ heißt, dann ist dieser Film eine Verteilerstation, eine Mehrfachsteckdose an einem verschlungenen Verlängerungskabel. Das längste führt bis nach Manila. Kluge hat nämlich einem Kollegen vom anderen Ende der Erde einen Teil seines eigenen Films eingeräumt: Khavn De La Cruz mit seinem Getto-Splatter-Groteske „Das flüchtige Leben eines Funkens“ macht einen nicht geringen Teil von „Happy Lamento“ aus. Die Verbindung ist untergründig, wie in jenem Kinderspiel „Elektrokontakt“, bei dem man zwei epistemologisch zusammengehörige Punkte elektrisieren musste, damit es Licht wurde.

          Heute findet der Elektrokontakt auf Youtube statt, und er gehorcht den Gesetzen unsichtbarer Rechenoperationen. Der Fluchtpunkt des großen Zufallsarchivs taucht in „Happy Lamento“ gegen Ende mit den Aufnahmen eines „Jan aus Tokyo“ auf, der mit der Stromgitarre eine Version von „Blue Moon“ intoniert. Es ist eines jener Amateurdokumente, mit denen das Videoportal groß geworden ist und zu denen Alexander Kluge mit seinem „Happy Lamento“ eben nicht auf Distanz geht. Er ist mit diesem Spätwerk, mit dem er zugleich eine Summe zieht und auch schon halb die Kontrolle abgibt (an Khavn De La Cruz, an die „Poetik der Evolution“, an ein Split-Screen-Nebeneinander), zu einem Portal geworden, das viel in sich aufnehmen kann, ohne es groß herumkommandieren zu müssen. Ein zwischendurch vernehmbares Zitat von Heiner Müller kann man fast schon als Schlusswort für ein großes Lebenswerk nehmen: „Wenn man die Augen zumacht, sieht man auch Sterne.“

          Weitere Themen

          Die große Lehre

          Der Mond im Film : Die große Lehre

          Vom Hinterfragen unseres Selbst hin zum Ausbrechen aus den Klammern alter Sitten: Eine kurze Geschichte der Filmexpeditionen zum Mond zeigt, was die Menschheit noch lernen muss.

          Topmeldungen

          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.