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Kosovo-Krieg : Ein filmisches Denkmal für Vergewaltigte

  • -Aktualisiert am

Die Regisseurin Lendita Zeqiraj will mit ihrem Werk „Aga’s House“ das Leid der weiblichen Opfer des Kosovo-Krieges zeigen – und wundert sich noch immer, wie viele Preise sie hierfür erhält. Bild: N'ART FILMS

„Ich glaube an die heilende Kraft der Leinwand“: Eine Begegnung mit Lendita Zeqiraj, einer Künstlerin aus dem Kosovo, deren Filme von Frauen und der Gewalt gegen sie handeln, vor allem im Krieg.

          4 Min.

          Fünf Frauen unterschiedlichen Alters leben zusammen in einem Haus, das zugleich unfertig und heruntergekommen ist. Die Landschaft um das einsam an einem Hügel stehende Heim zeugt von Dürre. Das Ergebnis eines wahrscheinlich regenarmen langen Sommers, wie er im Kosovo üblich ist. Die Frauen sitzen draußen im Schatten eines Baums und bereiten sich bereits auf die kälteren Tage vor. Paprika wird ausgehöhlt und eingelegt. Die jüngeren albern herum, um die Tristesse zu brechen.

          Lendita Zeqirajs Debütfilm „Aga’s House“ spielt in einem Frauenhaus, in dem die Bewohnerinnen in stiller Solidarität ihr Dasein fristen. Lediglich einen Tag im Leben der marginalisierten und stigmatisierten Frauen dort umfasst der Film. Alle eint die Erfahrung von Gewalt und Verstoßung. Das vor einem Jahr wiedereröffnete Programmkino „Armata“ in Prishtina, ein Relikt aus jugoslawischen Zeiten, das sich etwas versteckt unterhalb des Zahir-Pajaziti-Platzes befindet und einst Soldaten und später auch der Öffentlichkeit zur Unterhaltung diente, zeigt an diesem Abend Zeqirajs Film. Die Sitzplätze sind bis auf den letzten gefüllt. Die Stimmung im Publikum wechselt ständig zwischen bedrückender Stille und großem Gelächter. Denn auf der Leinwand wird absurd oft geflucht, die Sprache ist nicht selten vulgär und voller Zynismus – ein Symptom der vorgeführten Misere.

          Ein wenig unter Strom

          Zwangsverheiratet, vom Ehemann verprügelt, ein falsches Versprechen, das in die Prostitution führte, im Kosovo-Krieg mehrfach von serbischen Soldaten vergewaltigt. Das sind die Lebensgeschichten der Frauen, die sich im Film nach und nach herauskristallisieren. Mittendrin das einzige Kind mit dem Namen Aga, das ständig nach dem abwesenden Vater fragt. Als eine Hausbewohnerin versucht, Selbstmord zu begehen, wird Aga zur rettenden Schlüsselfigur.

          Die Regisseurin Lendita Zeqiraj ist 1972 in Prishtina geboren. Abgesehen von einer knapp zehnjährigen Zäsur in Paris, lebt sie bis heute dort. Zum Treffen lädt sie in ihre Wohnung ein, in der die zierliche und ein wenig unter Strom stehende Regisseurin – sie kommt gerade von einem Filmfestival und fliegt am nächsten Tag bereits zum nächsten – jedes Möbelstück selbst gestaltet hat. Gerade schneide sie zusammen mit einem französischen Kollegen einen neuen Trailer ihres aktuellen Films.

          Sie erzählt, wie sie durch Umwege zum Film fand. In den neunziger Jahren schloss sie ein Kunststudium an der Universität Prishtina ab. Filmregie konnte man dort zu dieser Zeit noch nicht studieren. Kurze Zeit später gründet sie das erste Printmagazin für Kunst und Kultur „N’Art“, das jedoch bereits nach zwei Ausgaben nicht weiter erscheint. Die Finanzierung bleibt im Trubel der neunziger Jahre aus, auch im Kosovo droht der Krieg auszubrechen. 1999 flieht Zeqiraj mit ihrem fünfjährigen Sohn, ihrer Schwester Blerta Zeqiri, die ebenfalls Filmregisseurin ist, und ihren Eltern nach Paris – der Kosovo-Krieg ist bereits seit einem Jahr im Gange.

          Die Szenenbilder gestaltet sie noch selbst

          Erst Paris ermöglicht der vielseitig begabten Künstlerin ein Filmstudium. Ab 2004 studiert sie an der Université Paris VIII Filmästhetik und Philosophie. „Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt und künstlerisch weitergebracht“, erzählt sie rückblickend. Gemeinsam mit ihrer Schwester übt sie sich in Dokumentar- und Kurzfilmen und merkt schon bald, dass ihr vor allem Fiction liegt. Alle ihre bisherigen Filme wurden in französischer Zusammenarbeit produziert. Auch für ihren ersten Spielfilm „Aga’s House“ konnte Zeqiraj auf ihre Kontakte in Frankreich zurückgreifen und den tunesischen Kameramann Sofian El Fani gewinnen.

          Gerade für ihre langen, zum Teil dreißigminütigen ungeschnittenen Filmsequenzen brauche sie erfahrene Filmschaffende im technischen Bereich, erklärt sie. Im Kosovo sei die Filmindustrie noch sehr jung. Die detailreichen Szenenbilder sowie die Kostüme gestaltet sie selbst. Sie arbeitet mit einigen Darstellergrößen der kosovarischen Filmszene zusammen. Die gefeierten Schauspielerinnen Shengyl Ismajli und Adriana Matoshi oder auch Rozafa Celaj und Art Lokaj, sie alle spielen Hauptrollen in „Aga’s House“.

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