https://www.faz.net/-gqz-9qkns

Eröffnungsfilme in Venedig : Wie man Menschen im Kino Gefühle beibringt

Drei Weltstars nebst der jungen Clémentine Grenier (rechts): Juliette Binoche, Catherine Deneuve und Ethan Hawke in Hirokazu Kore-edas „La Vérité“. Bild: Rinko Kawauchi

Am Anfang war ein Wunder: Hirokazu Kore-eda eröffnet den Wettbewerb in Venedig mit „La Vérité“, Katrin Gebbe mit ihrem teils etwas holprigen, aber starken Film„Pelikanblut“ die Reihe „Orizzonti“.

          3 Min.

          Fast schadenfroh wird am Lido erwartet, dass Roman Polanski mit seinem neuen Film „J’accuse“, der am Freitag im Wettbewerb gezeigt wird, auf irgendeine für ihn selbst oder für diejenigen, die ihn eingeladen haben, peinliche oder skandalöse Weise gegen einen ästhetischen Pfosten fahren wird. Darüber, dass zwei Hollywoodlieblinge, Adam Driver und Scarlett Johansson, in Noah Baumbachs vorab hochgehandelter „Marriage Story“ in Konkurrenz zu Polanskis Beitrag ihre Talente miteinander vermählen dürfen, freuen sich einige hier schon jetzt die Nasen aus den Gesichtern. Das teure Weltraumvehikel „Ad Astra“ mit Brad Pitt, das ebenfalls einen Preis will, wird mit Plakaten beworben, die sich ganz gut auf eine Werbung der Kreditkartenfirma Mastercard nahe den Spielstätten reimen, welche ein Kind zeigt, das in einem Raumanzug im Kino sitzt und „die Welt mit Astronautenaugen“ sieht – wobei das, was man bisher reklamehalber von „Ad Astra“ zu sehen bekommen hat, eher umgekehrt aussieht, als würde die Astronautik darin mit allzu weltlichen Augen angeguckt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der schmucklose Darsena-Saal, wo Presse und Industrie sich treffen, ist innen schön kühl wie immer; beim Platznehmen unterhalten sich ein paar deutsche Landsleute darüber, wie gut ihnen der kurze Weg auf der Asphaltpiste von den bestbelegten Hotels zur Show getan hat: keine E-Roller-Trottel, wunderbar.

          Noch viel wunderbarer ist allerdings der Eröffnungsfilm, „La Vérité“ von Hirokazu Kore-eda, das erste Großprojekt des japanischen Regisseurs mit internationalen, soll heißen: westlichen Stars. Besseres, Schöneres und Weiseres hat mit denen lange niemand mehr angestellt; man sieht Catherine Deneuve und Juliette Binoche in jeder Szene an, dass sie das wissen, und selbst Ethan Hawke wirkt, als er einmal resigniert bekennt, bloß ein „zweitklassiger amerikanischer Fernsehschauspieler“ zu sein, auf einmal wieder wie der erstklassige amerikanische Filmschauspieler, der er immer hat werden sollen.

          „La Vérité“ ist trügerisch leichthändig komponiert; erst wenn man die Geschichte nacherzählen muss, merkt man, wie kompliziert die Fabelmelodien zusammenhängen und in ihr tragikomisches Ganzes zusammenfließen. Madame Binoche spielt die Tochter der Deneuve, die eine berühmte Schauspielerin spielt, die in einem Science-Fiction-Film gerade die Tochter einer jüngeren Schauspielerin spielt, welche wiederum aufgrund relativistischer Effekte nahezu lichtschneller Raumfahrt schließlich dem eigenen Kind in der viel älteren Gestalt Deneuves begegnet. Diese junge Mutterdarstellerin nun sieht genau aus wie eine ehemalige Kollegin der Figur, die Deneuve spielt, an deren frühem Tod ebendiese Figur jedoch mindestens Mitschuld trägt, denn beide waren Rivalinnen, beruflich wie privat – die Tote hat der Freundin und Feindin Deneuve unter anderem die Tochter Binoche „gestohlen“, nämlich die vernachlässigte Heranwachsende mit Nähe und Liebe beschenkt.

          Kore-eda weiß, dass Menschen für sich genommen leer sind und erst füreinander Menschen, sozusagen transzendentale Aufblaspuppen, die fremden Atem brauchen. Riten helfen ihnen dabei, sich selbst zu überprüfen und zu verbessern – so weit war er schon vor rund zehn Jahren mit den beiden Wunderwerken „Air Doll“ (2009) und „Still Walking“ (2008). Aber inzwischen hat er als den wichtigsten dieser Riten das Doppel aus Filmemachen und Filmeschauen erkannt, und diese Einsicht überträgt sich bei Wettbewerbsbeginn aufs Publikum: Es ist, als wäre man schon am Anfang versöhnt worden mit allem, was später schiefgehen mag.

          Einen ganz anderen Auftakt setzt dieses Jahr die Reihe „Orizzonti“ mit einem deutschen Film, „Pelikanblut“ von Katrin Gebbe. Nina Hoss spielt darin eine alleinstehende Pferdekoppelmanagerin, die sich ihren Kinderwunsch mittels Auslandsadoptionen erfüllt. Zwei Mädchen aus harten Weltgegenden nimmt sie bei sich auf. Das Verhältnis zur ersten, älteren Tochter ist so vertrauensvoll wie verschmust, das zur jüngeren bald ein Desaster, denn diese arme Seele kämpft mit einem Trauma, einer dämonischen Besessenheit oder beidem, jedenfalls aber mit etwas, das nicht in deutsche Wohlstandskindertagesstätten passt und die dort vorgesehene Psychohygiene stört.

          Die Regisseurin Katrin Gebbe und der Schauspieler Murathan Muslu nehmen die jungen Schauspielerinnen Katerina Lipovska (2.v.l) und Adelia Ocleppo beim Photocall in Venedig in die Mitte.

          „Keiner will mit deiner Tochter spielen“ heißt der Fluch, mit dem die Heldin gezwungen wird, die ganze Last bis zur Selbst- und Fremdgefährdung (arme ältere Tochter!) auf sich zu nehmen. Der Film hat ein paar kleine Konstruktionsbeulen, Emotionsdellen und Handlungsrisse, außerdem wird seine menschen-, vor allem aber mütter- und töchter-, also frauenfreundliche Grundhaltung von einigen seiner Darstellungsvoraussetzungen leider untergraben – weniger vom blutigen Hexenspuk, in dem er gipfelt, denn der leistet, wie bei allen guten Horrorfilmen, einfach die Verdeutlichung der hohen seelischen Einsätze, um die hier gespielt wird; ziemlich störend aber zerrt ein aufdringlich biologistischer Zinnober um Hirnstoffwechsel und Entwicklungspsychologie an dieser Geschichte, was umso bedauerlicher ist, als die zahlreichen, bewundernswert sicher gehaltenen Ambivalenzbalancen im Spiel der Hauptdarstellerin und der beiden Kinder wie auch in der Inszenierung insgesamt deutlich über dem Niveau liegen, auf dem nicht nur in Deutschland über Schmerz, Schuld und Selbstaufopferung dauernd irgendwelche Filme gedreht werden.

          Zwischen den klinischen und okkulten Details des Falles geht nie der Umstand unter, dass Gebbe und Hoss mit ihrem teils etwas holprigen, aber starken Film von einer anderen Seite her dasselbe wissen wollen, was Hirokazu Kore-eda mit seinem nahezu vollkommenen fragt: Kann man Leuten Gefühle beibringen, die sie dringend nötig hätten?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

          Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Sorgen beim FC Bayern : „Es muss alles besser werden“

          Drittes Spiel, dritter Sieg: Doch die Münchner zeigen in der Champions League in Piräus viele Mängel. Sportdirektor Salihamidzic übt deutliche Kritik. Dazu kommt Verletzungspech. Der nächste Spieler fehlt lange.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.