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„Korankinder“ im Kino : Was Donald Rumsfeld nicht wusste

  • -Aktualisiert am

Dieser Junge geht nicht so gerne in die Madrasa: Er vermisst gutes Essen und seine Schwester Bild: Mayalok

Madrasas gelten vielen als Brutstätten für islamistische Terroristen. Normalerweise sind Kameras in diesen Koranschulen verboten - doch Shaheen Dill-Riaz hat eine Dreherlaubnis bekommen. Das Ergebnis zeigt ihr Dokumentarfilm „Korankinder“.

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          Zuerst das Vorurteil: Madrasas, also Schulen, in denen der Koran fast den gesamten Stundenplan ausmacht, sind streng abgeriegelte extremistische Zentren, in denen Kinder und Jugendliche im Nahen Osten zu Dschihadkämpfern ausgebildet werden, Keimzellen des Terrorismus. Dieser Auffassung war unter anderem Donald Rumsfeld, der im Oktober 2003 in einem Memo fragte: „Können wir jeden Tag mehr Terroristen festnehmen und töten oder von ihren Taten abhalten, als die Madrasas und die radikalen Geistlichen rekrutieren, ausbilden und auf uns loslassen?“ Und im Sommer 2005 zeigte sich Rumsfeld in einem Fernsehinterview immer noch besorgt über diese Madrasas, die „Menschen dazu ausbilden, Selbstmordattentäter und Extremisten zu sein, gewalttätige Extremisten“.

          Shaheen Dill-Riaz, 39, in Bangladesch geborener und seit 1992 in Deutschland lebender Dokumentarfilmer, hat jetzt als erster Filmemacher die Möglichkeit erhalten, in einer dieser angeblichen Terrorzellen zu drehen. Normalerweise sind Madrasas (arabisch für: „Schule“) Kamerateams wegen der im Islam herrschenden Tradition des Bilderverbots nicht zugänglich. Über einen Bekannten seiner Familie, der in einer islamischen Partei aktiv ist, gelang es Dill-Riaz jedoch nach langem Hin und Her, eine Dreherlaubnis zu bekommen. Die Idee zu diesem Projekt entstand, weil ihm bei seinen gelegentlichen Heimatbesuchen aufgefallen war, wie Bangladesch sich in den letzten Jahren veränderte und die Gesellschaft zunehmend religiös zu werden schien. Mittlerweile treffen sich jedes Jahr fast drei Millionen Muslime vor dem Opferfest in der Hauptstadt Dhaka, es ist damit nach Mekka das größte Pilgertreffen der Welt. Dill-Riaz, der Bangladesch, das 1971 als säkularer Staat gegründet wurde, als liberales Land in Erinnerung hatte, wollte verstehen, wie es dazu kam. „Ich wollte einen Film über den Islam machen“, sagt er. Die Idee, in einer Madrasa zu drehen, kam dann von seinem Vater.

          Bangladesch in Großaufnahme

          Dass in den Madrasas Terroristen ausgebildet werden, ist übrigens nicht nur ein Vorurteil der westlichen Welt. Auch in Bangladesch haben diese Schulen einen schlechten Ruf. Sie stellen ein paralleles Bildungssystem zu den „normalen“, säkularen Schulen dar, die nach westlichem Vorbild von der britischen Kolonialmacht eingeführt wurden, und erfahren immer größeren Zulauf: Zwischen 1972 und 2004 hatten sie einen Zuwachs von 73 Prozent; 2005 wurden 31 Prozent aller Schulabschlüsse in einer Madrasa abgelegt. Es gibt zwei Arten von Madrasas: Eine weltoffenere Form namens Aleya, in der unter anderem auch Naturwissenschaften und Englisch unterrichtet werden, wodurch die Schüler die Möglichkeit haben, später auf eine Universität zu gehen; das konservativere Modell heißt Qawmi (sprich: Kaomi). Hier wird nahezu ausschließlich der Koran gelehrt, zumindest in den ersten Klassen, wobei gelehrt hier bedeutet: auswendig gelernt. Ab dem Alter von fünf oder sechs Jahren lernen die Schüler hier die mehr als sechstausend Verse auswendig. Sie werden dabei von einem Hafiz überwacht - so heißen die Männer, die den Koran auswendig können -, und falls dieser es für nötig befindet, verteilt er auch schon mal Schläge mit einem Stock. Dies aber sei in Bangladesch an jeder Schule so, sagt Dill-Riaz und fügt ein „leider“ hinzu, er selbst sei während seiner Schulzeit an einer normalen Schule auch öfter verprügelt worden.

          Die Gesichter der „Korankinder” erzählen den Film fast von selbst

          Sein Film eröffnet den Blick in eine Welt, die auch dem Regisseur vorher fremd war. In ruhigen Bildern, die den Menschen sehr nahe kommen und Gesichter oft in Großaufnahme zeigen, erzählt sich die Geschichte fast von selbst, nur hier und da von Dill-Riaz' erklärenden Kommentaren und einfachen Fragen geleitet, wie man es auch schon aus seinen vorherigen Filmen kennen kann, aus „Eisenfresser“ (2007) zum Beispiel, seiner mehrfach international ausgezeichneten Dokumentation über die Männer, die unter lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen am Strand von Südbangladesch in Handarbeit Riesentankschiffe auseinandernehmen, damit die Einzelteile weiterverkauft werden können. Ein anderer Film ging der Frage nach, ob die Bengalen tatsächlich so glücklich sind, wie Statistiken behaupten. Als Nächstes will er sich mit den Folgen der Klimakatastrophe befassen; wie alle seine bisherigen Filme wird auch dieser wieder in Bangladesch spielen, tatsächlich wird es aber um eine globale Geschichte gehen.

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