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Komponist Hans Zimmer im Gespräch : Warum trauen Sie Ihrer Musik nicht, Herr Zimmer?

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration Burkhard Neie

Wir treffen Hans Zimmer beim Filmfestival von Gent, kurz nach seinem Gewinn des World Soundtrack Award. Der Filmkomponist präsentiert sich heiter und gelöst. Bisweilen verfällt er in ein lustiges Gemisch aus Deutsch und Englisch.

          Ein Deutscher ohne musikalische Ausbildung wird zu einem der erfolgreichsten Komponisten in Hollywood: Ihre Karriere klingt fast nach einem Märchen.

          So kam es mir manchmal auch vor. In Deutschland, wo ich mich als Komponist für Krimiserien beworben hatte, ließ man mich nicht einmal über die Türschwelle - ohne Musikstudium ging da gar nichts. In England, wo ich zur Schule gegangen war, versuchte ich, mich als Musiker durchzuschlagen. Eigentlich wollte ich Rockgitarrist werden, doch ich war ein lausiger Gitarrist, und so stieg ich auf Tasteninstrumente um. Eine Zeitlang kämpfte ich in London regelrecht ums Überleben. Die Bohème-Existenz eines hungernden Künstlers wird ja gern verklärt, aber im Nachhinein muss ich sagen: Armut ist nicht romantisch.

          Schließlich nahm Sie der englische Filmkomponist Stanley Myers unter seine Fittiche.

          Ich glaube, er schätzte es, dass ich seine Kaffeemaschine bedienen konnte und dass ich mich mit Synthesizern auskannte. Ich hatte nie richtig Noten lesen gelernt, traute mich aber nicht, ihm das zu sagen. Schon bald ließ er mich an seinen Soundtracks mitarbeiten: Es langweilte ihn, Musik für eine Verfolgungsjagd zu schreiben - den Part durfte ich dann übernehmen. Die Regisseure liebten grundsätzlich alles, was er komponiert hatte, und hassten alles, was von mir stammte. Doch Stanley sagte nie: „Das war Hans.“ Sein Edelmut hat mich schwer beeindruckt. Und ich habe sehr viel von ihm gelernt. „Ohne eine Melodie hast du gar nichts“, pflegte er etwa zu sagen, „dann grast du nur wie eine Kuh auf der Weide.“

          Aber wie haben Sie den Sprung nach Hollywood geschafft? Wie kam Barry Levinson dazu, Sie für seinen „Rain Man“ anzuheuern?

          Das verdanke ich Levinsons Frau. Ich hatte die Musik zu einem kleinen britischen Film namens „Zwei Welten“ geschrieben. Diana Levinson sah den Film, mochte den Soundtrack, besorgte sich die CD und spielte sie ihrem Mann vor. Auch ihm gefiel die Musik. Und so kam es, dass eines Abends um elf Uhr ein Herr an meiner schäbigen Londoner Studiotür klopfte und sagte: „Hallo, ich bin Barry Levinson, Filmemacher aus Hollywood.“ Ich glaubte ihm kein Wort, bis ich hinter ihm zwei gigantische Limousinen erblickte, die sich in die enge Gasse gezwängt hatten. Kein Witz! Da dachte ich: „Vielleicht sagt der Kerl doch die Wahrheit.“

          Sie sind ihm über den großen Teich gefolgt.

          Ja, ich habe meinen Synthesizer einfach in Levinsons Büro aufgebaut und dort komponiert. Ich hatte erwartet, dass man in Hollywood ebenso wie ich die neueste Technik nutzen würde. Doch dort herrschte noch das alte System: Ein Komponist kritzelte Noten auf Papier, die wurden orchestriert und an die Musiker ausgegeben, und erst bei der Orchesteraufnahme bekam der Regisseur die Komposition zu hören. Ich hingegen konnte Barry jederzeit meine Musik vorführen, während er parallel dazu den Film schnitt. Der „Rain Man“-Soundtrack ist komplett in seinem Büro entstanden.

          Und Sie haben dafür prompt Ihre erste Oscar-Nominierung bekommen.

          Ja, aber wahrscheinlich nicht, weil die Musik so gut war, sondern weil die Filmakademie dachte: „Hans Zimmer - das klingt nach einem altehrwürdigen deutschen Komponisten. Der ist bestimmt kurz vor dem Abnibbeln.“

          Glauben Sie selbst etwa nicht an Ihre Musik?

          Ich bin mein schärfster Kritiker. Manchmal treibe ich mich schier in den Wahnsinn, weil ich jede einzelne Note in Frage stelle. Oft habe ich das Gefühl, mit meiner Musik den Film zu ruinieren. Wenn ich sie dem Regisseur vorspiele, bin ich sicher, dass er sie hassen wird. Und wenn sie ihm gefällt, denke ich: „Wie kann das sein? Das ist doch Schrott!“ Bei der Orchesteraufnahme rechne ich fest damit, dass die Musiker ihre Notenblätter zerreißen und sagen: „Diesen Müll spielen wir nicht!“ Sie sehen, meine Verunsicherung zieht sich durch den gesamten Arbeitsprozess.

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