https://www.faz.net/-gqz-9ya7t

Louis de Funès : Jetzt schenkt er Frankreich Trost

Luis de Funès in „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ (1973) Bild: Imago

Die Eröffnung der Funès-Ausstellung in Paris wurde verschoben, dafür sehen jetzt Millionen Franzosen „Drei Bruchpiloten in Paris“ im Nachmittagsprogramm: Im Hausarrest wird der große Komiker Louis de Funès rehabilitiert.

          3 Min.

          Man konnte an einen Aprilscherz glauben: Auf den 1. April hatte die Pariser „Cinémathèque“ die Eröffnung einer Ausstellung über den Schauspieler Louis de Funès angekündigt – vier Jahrzehnte nach seinem Tod. Die Wahrscheinlichkeit einer Klassikerweihe des Komikers im Tempel der Avantgarde war etwa so groß wie der Ausbruch einer weltweiten Epidemie. Kaum ein Schauspieler wurde von der kulturellen Elite so sehr verachtet wie der „Gendarm von Saint Tropez“, der nur Filme für mindestens eine halbe Millionen Zuschauer machte.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dass die Eintrittskarten im Vorverkauf zum halben Preis angeboten wurden, ließ auch nicht gerade eine ernsthafte kulturelle Veranstaltung erwarten. Doch vier Tage vor der Vernissage strahlte der europäische Kultursender Arte eine abendfüllende Dokumentation aus. In verschiedenen Zeitungen schilderte Alain Kruger, der die Ausstellung konzipierte, wie groß die Widerstände tatsächlich waren. Der Kurator ist nicht der erste Filmkritiker, der Louis de Funès‘ Talent entdeckt. Aber wie von Kruger ist sein „komisches Genie“ wohl noch nie beschrieben worden: Mit seiner „Gesichts-Gymnastik“, in der sich das „antike Theater und die Commedia dell‘arte“ vermischen würden, sei der Schauspieler fähig gewesen, „innert Sekunden die unterschiedlichsten Gefühle“ zu mimen: „Worte brauchte er keine.“

          Einmalige Diktion

          Aber auch sein tempostarker Redeschwall – seine „Diktion“ – war „einmalig“. Alain Kruger bescheinigt Louis de Funès eine „seltene Humanität und Eleganz“. In keiner einigen Szene will er auch nur „eine Unze Vulgarität“ ausmachen, die weniger subtile Zuschauer für sein Erfolgsrezept hielten: „Nicht einmal in der Rolle des furzenden Opas“. Über die Jahre hinweg erreichte seine Kunst eine „außergewöhnliche Genauigkeit und Subtilität“. Dummerweise musste die Eröffnung der Ausstellung aus aktuellem Anlass verschoben werden.

          Dass der Volksschauspieler aus gleichem Anlass auf die heimischen Bildschirme zurückkehren würde, war indes zu erwarten. Die rund hundertfünfzig Filme mit ihm in der Hauptrolle sind billig und garantieren hohe Einschaltquoten. Seitdem in Frankreich ein strenges Ausgehverbot erlassen wurde, haben die TV-Anstalten ihre Programme umgestürzt. 5,2 Millionen Zuschauer sahen „Drei Bruchpiloten in Paris“ im Nachmittagsprogramm von „France 2“. Der Privatsender „M6“ setzt auf die Gendarmen. „Canal+“ hat für den Komiker vorübergehend einen eigenen Kanal aufgeschaltet. „Louis das Schlitzohr“ rettet die eingeschlossenen Franzosen praktisch täglich vor der Depression.

          Vergeblich propagiert die Regierung die nationale Einheit. Eine neue Einmütigkeit ist um Louis de Funès festzustellen, sie ist das prägende kulturelle Phänomen der Corona-Krise. Mit seinen Lehrmeistern Buster Keaton und Charlie Chaplin wird der Schauspieler im Programm der Ausstellung verglichen. Gleichzeitig plante die „Cinémathèque“ eine Retrospektive von Gérard Oury, der mit Louis de Funès einige seiner besten Filme drehte. Zu ihnen gehören „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“.

          Es ist ein Film, der seit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ nicht mehr denkbar ist. Nach den Maßstäben von Alain Kruger müsste man ihn auf die Stufe von Lessings „Nathan der Weise“ stellen und sein Spiel mit den Klischees den Religionen und Identitäten zur Ringparabel der Komik verklären. Noch war es erlaubt, sich über die Zöpfe des echten und falschen Rabbiners zu mokieren. Louis de Funès verkörpert den Rassismus, den Antisemitismus und auch noch den scheinheiligen Katholizismus und führt sie gleichzeitig ad absurdum.

          Noch war der Islam als Religion kein Thema, der Terrorismus der Palästinenser beherrschte die Aktualität. Der Film wurde im Jahr des Attentats bei der Olympiade in München gedreht. Inspiriert hat ihn die Entführung des algerischen Oppositionspolitiker Ben Barka in Paris. Aus Anlass des arabischen Frühlings nahm ihn „tf1“ Weihnachten ins Abendprogramm. Seit Jahren plant die Tochter von Gérard Oury eine Fortsetzung. Danièle Thompson hat erfolgreiche Drehbücher geschrieben. Auch gegen die politische Korrektheit des Feminismus verstößt „Rabbi Jacob“: Er ist misogyn. Der Fabrikant, der seinen jüdischen Fahrer entlässt, freut sich, dass seine Tochter ihre katholische Heirat platzen lässt und mit dem algerischen Dissidenten abhaut, den die Putschisten gerade zum Staatspräsidenten ausgerufen haben. Den Titel ihres Szenarios hat Danièle Thompson bereits: „Rabbi Jacqueline“. Frankreich freut sich auf den Film und die Ausstellung. Sie ist bis zum 3. August programmiert, wird aber zweifellos verlängert.

          Weitere Themen

          Googles KI gewinnt

          Wohin geht der Journalismus? : Googles KI gewinnt

          Eine Kölner Konferenz über die Zukunft des Journalismus zeigt, dass noch nicht alle den Kampf gegen die Digital-Oligopolisten aufgegeben haben. Eine SPD-Politikerin allerdings schon.

          Topmeldungen

          Langer Winter: Zwei Polizisten am Mittwoch auf dem Roten Platz in Moskau

          Repressionen in Russland : In der Krise wächst die Paranoia

          Corona, eine schwache Wirtschaft und Proteste: Wladimir Putins Machtapparat sieht sich in Russland vielen Krisen ausgesetzt. Und erhöht deswegen den Druck auf Opposition und Zivilgesellschaft.
          Maye Musk ist die Mutter des Unternehmers Elon Musk. Am Donnerstag erscheint ihre Autobiographie „Eine Frau, ein Plan“.

          Maye Musk : „In unserer Familie nimmt niemand frei“

          Wer Elon Musk verstehen möchte, muss seine Mutter Maye kennen lernen. Im Interview spricht sie über Abenteuertouren in der Wüste, ihre Modelkarriere mit 70 und wie sie einst aus Armut auf Dates verzichtete.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.