https://www.faz.net/-gqz-a3745

„Kiss me Kosher“ im Kino : Klischee küsst Komik

  • -Aktualisiert am

Befangenheit macht nicht recht Spaß: Ibrahim Hamati (Salim Daw) und Maria Müller (Luise Wolfram) Bild: X Verleih

Wie viele Erwartungen kann ein Film über Leute erfüllen, die sich unerwartet verhalten? Eine deutsch-israelische Frauenliebesgeschichte weiß es: „Kiss Me Kosher“.

          3 Min.

          Die junge Israelin Shira hat bei der Partnerwahl die heilige Dreifaltigkeit der Fettnäpfchen getroffen: Sie liebt Maria, „also lesbisch, nicht jüdisch, deutsch“. Schlimmer könnte es kaum kommen. Dabei ist die Familie eigentlich ganz aufgeschlossen, oder man könnte auch sagen, Shiras Familie ist ein typisch chaotischer Haufen, wie es eben zum Klischee von jüdischen Familien gehört. Mit diesen Klischees macht sich Shirel Peleg (geboren in Venezuela, aufgewachsen in Israel, Drehbuchstudium in Deutschland) in ihrem ersten Spielfilm „Kiss Me Kosher“ ihren eigenen, im Kern natürlich ernsthaften Spaß.

          Shira (Moran Rosenblatt) und Maria (Luise Wolfram) sind offensichtlich füreinander bestimmt. Das hat vielleicht auch mit der berühmten Magie der Gegensätze zu tun, die sich angeblich anziehen: Shira ist eine coole, beim weiblichen Geschlecht sehr beliebte Betreiberin eines Cafes, sie ist mit dem komplizierten Alltag in Israel bestens vertraut, und weiß sich energisch zu behaupten. 

          Maria hingegen ist schon in ihrer äußerlichen Gestalt ein Gegenpol, eine groß gewachsene, blasse Deutsche, die gar nicht so richtig zu glauben scheint, dass sie der Lebensmensch von Shira sein soll. Ein bisschen polemisch könnte man sogar sagen: Shira hat sich da ja ein richtiges BDM-Mädel angelacht. Damit bekommt die Lehre von den Gegensätzen eine geschichtspolitische Spitze, die in „Kiss Me Kosher“ durchaus immer mitgedacht ist. Liebe ist ja oft auch: Erlösung aus der Erscheinung, man darf endlich so sein, wie man sich selber nicht sieht, sondern wie man geliebt wird.

          Der Heiratsantrag ist dann auch gar nicht geplant, sondern eher das Ergebnis von Schusselei. Umso zielstrebiger geht Shira darauf ein. Allerdings gibt es eine Reihe von Problemen auf dem Weg zur Hochzeit. Das größte dieser Probleme heißt Berta (Rivka Michaeli), die Großmutter von Shira, eine scharfzüngige Dame, die sehr dagegen ist, dass Shira den Ring ihrer Mutter (also Shiras Urgroßmutter) einer Deutschen an den Finger stecken möchte. Denn die Deutschen sind bekanntlich alle Nazis. 

          Die Eltern sind die Zielgruppe

          Das erweist sich dann zumindest in Teilen als Irrtum, als zur Vervollständigung des Chaos auch noch Hans (Bernhard Schütz) und Petra (Juliane Köhler) anreisen, die Eltern von Maria. Petra möchte zuerst einmal ein Flüchtlingslager sehen, und neigt in unpassenden Momenten zu Meinungsäußerungen über die Zweistaatenlösung – ein heikler Punkt, auch deswegen, weil die Familie von Shira in einer Siedlung lebt, also hinter der „grünen Linie“. Da zeigt sich dann, dass nicht alle Siedler in Israel Fundamentalisten sind, nur für den Fall, dass in Deutschland das jemand denken sollte. 

          Hier hat „Kiss Me Kosher“ nicht nur sein zweites Produktionstandbein, hier ist auch eine der Zielgruppen, für die man Hans und vor allem Petra durchaus als Stellvertreter nehmen kann: schuldbewusste, peinlich berührte Deutsche, die nicht so recht wissen, wie sie mit Israel umgehen sollen. Und mit den dunklen Flecken in der eigenen Familiengeschichte.Berta wiederum ist auch so ein Fall: ihre Verstocktheit ist eigentlich legitim, denn sie gründet in konkreter Erfahrung, sie hält die Erinnerung an die Shoa lebendig, aber auch diese Figur wendet Shirel Peleg ins Komische. 

          Denn sehr deutlich ist das auch ein Rollenspiel zwischen Berta und Shira, eine Art Ritual, bei dem der ursprüngliche Ernst schon lange zur Routine geworden ist. Die alte Dame muss also vor allem aus dieser Routine erlöst werden, und das wiederum ist genuin etwas, was Komödien per definitionem tun – sie bringen Menschen produktiv ins Stolpern.
          Man sieht: Shirel Peleg lässt in ihrer romantischen Komödie nichts aus. Normalerweise ist das ein strikt heterosexuelles Genre, quasi das Kinopendant von Lore-Romanen, und für Figuren wie Shira oder Maria gibt es dabei meist nur Nebenrollen. Sie machen das Geschehen bunter, in Zentrum aber dominiert die gesellschaftliche Norm. 
          In Israel aber, einem Staat, in dem (wieder ein Klischee) nichts normal ist, ist die RomCom schon ein paar Schritte weiter. Shirel Peleg erzählt nicht einfach von zwei jungen, lesbischen Frauen, sondern sie macht daraus ein ganzes Panorma an Differenzen. Passenderweise dreht Liam, der jüngere Bruder von Shira, auch noch einen Dokumentarfilm über seine Schwester, mit Fokus auf ihre sexuelle Identität.

          Und Berta hat es sich in ihrer Verbitterung als wiederum ihrerseits „typische“ jüdische Dominanz(groß)mutter so bequem gemacht, dass sie auch ihren Verehrer, einen arabischen Arzt und mustergültigen Gentleman, am liebsten am ausgestreckten Arm verhungern lassen würde. So eine Familienkonstellation kann man gar nicht anders begreifen als einen therapeutischen Großversuch, für den die Komödie das geeignete Genre ist.

          Deutlich steckt hinter „Kiss Me Kosher“ eine optimistische Vision: dass im Nahen Osten alle nach ihrer höchst eigenwilligen Neigung glücklich werden können, wenn man nur die Temperamente richtig miteinander reagieren lässt. Auch farblich und musikalisch weist Shirel Peleg ihren Film als ein Märchen (oder eine Utopie) aus, sodass einer sexuell liberalen Vielstaatenlösung allgemein gedeihlichen Zusammenlebens zumindest die Richtung gewiesen ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Will Amerika weniger abhängig in kritischen Technologien machen: Joe Biden

          Wettstreit mit China : Biden macht Mikrochips jetzt zur Chefsache

          Amerika fürchtet um seine Dominanz in der Chip-Industrie. Sogar die nationale Sicherheit sieht das Weiße Haus in Gefahr. Kurzfristig drohen Produktionsausfälle in Schlüsselindustrien.
          Lithium-Abbau in der Atacama-Wüste im Norden Chiles
am Uyuni-Salzsee in Bolivien (unten)

          Kampf um das „weiße Gold“ : Wettrüsten im Lithium-Dreieck

          Noch kommen viele Akkus nicht ohne den seltenen Rohstoff aus. Die Nachfrage steigt rasant in Südamerika, wo es die größten Lithium-Reserven der Welt gibt. Aber die Lage dort ist schwierig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.