https://www.faz.net/-gqz-tq29

Kirk Douglas zum Neunzigsten : Einsam ist der Tapfere

  • -Aktualisiert am

Geradlinigkeit war sein Markenzeichen. Doch unter der knallharten Oberfläche des Filmschauspielers Kirk Douglas steckte eine bestürzende Gebrochenheit. Er machte es dem Zuschauer nie leicht, Einblick zu nehmen in das, was in ihm vorging. Eine Würdigung zum neunzigsten Geburtstag.

          Kirk Douglas war bei aller Virilität nie darauf aus, als bis zuletzt strahlender Held dazustehen. Rebellion, die fixe Idee der fünfziger und sechziger Jahre, deren prägende Gestalt er war, interessierte ihn nur im großen Stil: wenn er es, wie in Kubricks „Spartacus“, den er produzierte, mit Mächten aufnehmen konnte, die stärker oder zumindest zahlreicher waren als er. Es wäre lächerlich, sich ihn, der vom method acting wenig hielt, in der Rolle des unverstandenenen Sohnes vorzustellen. Ohne auf die Zwischentöne der Ambivalenz ganz zu verzichten, setzte oder biß sich dieser extrem Angespannte verläßlich durch und, wenn nicht, so kam er selber unter die Räder.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Beides tat er ohne Rücksicht auf Verluste, wie vor allem als Billy Wilders von Ehrgeiz zerfressener „Reporter des Satans“ (1951), als abgehalfterter, verhaßter Filmproduzent in Minnellis „Stadt der Illusionen“ (1953) oder in dem King-Vidor-Western „Man Without a Star“ (1955), dem ersten von seiner eigenen Firma produzierten Film. Nur ausnahmsweise, etwa in Kubricks berühmter Abrechnung „Wege zum Ruhm“ (1957), gab er von sich aus klein bei.

          Selbstbewußt, halsstarrig

          Das Selbstbewußtsein, mit dem er seine Figuren umgab, schien von Fremdeinschätzung unabhängig, war aber von Halsstarrigkeit oft nicht zu unterscheiden. Seine Gebrochenheit war von anderer Art als die, die seine Kollegen im Angebot hatten, und nahm sich unter der knallharten Oberfläche desto bestürzender aus. Die Größe seines Scheiterns bemaß sich an der Stärke seines Willens und bezog daraus bisweilen tragische Züge. Deswegen waren Eleganz, Selbstironie, ja, selbst Humor kaum Kategorien seiner Rollen; dergleichen hätte ihre Unbedingtheit unterminiert. Statt dessen wurde eine Geradlinigkeit sein Markenzeichen, die im Gegensatz zur Abgeklärtheit seines mehrmaligen Filmpartners John Wayne fast schon krankhaft anmutete.

          Nicht nur in dieser Hinsicht war ihm die Rolle in David Millers Post-Western „Einsam sind die Tapferen“ (1962) die liebste. Hier gibt er, nach einem Drehbuch des lange auf Hollywoods Schwarze Liste verbannten Dalton Trumbo, eine so treue wie abstoßende Figur ab: Der Cowboy Jack Burns läßt sich ins Gefängnis sperren, um seinen besten Freund daraus zu befreien. Er muß, aber er will nicht erkennen, daß seine Hilfe so unerwünscht ist wie sein Weltbild überholt: Selbstjustiz gibt es nicht mehr, die Pferde sind gegen Autos ausgetauscht, und das Rechtsempfinden ist zu kompliziert geworden, als daß einer mit dem Schießeisen noch etwas ausrichten könnte. Burns aber sitzt immer noch im Sattel und kommt schließlich darin um. Tödlich verwundet, liegt er wie ein Tier am Straßenrand, der Regen blitzt in den Scheinwerfern der Verfolgerfahrzeuge, und wir lesen in diesem Gesicht ein Unverständnis, wie es nur ganz wenige Schauspieler auszudrücken vermochten.

          Neurotisch, borniert

          Kirk Douglas machte es dem Zuschauer nie leicht, Einblick zu nehmen in das, was in ihm vorging; aber sich selbst machte er es am schwersten. In seinen überzeugendsten Momenten wurde er deswegen zum neurotisch Bornierten, der nicht anders kann und mit dem man deswegen Mitleid haben muß. Niemals kam das besser, beklemmender an die Oberfläche als in William Wylers „Detective Story“ (1951), in der er den Polizisten Jim McLeod spielt, der mit seiner Eifersucht der Ehefrau das Leben zur Hölle macht und dessen Haß auf alles Kriminelle nicht von dieser Welt ist.

          Wenn man wissen will, was Fanatismus ist, muß man sich diesen Film ansehen. „Wieso können Sie nicht ,Yes, Sir' sagen, ohne daß es wie eine Beleidigung klingt?“, fragt ihn sein Vorgesetzter. „Yes, Sir!“ Was ist von einem Mann zu halten, der manchmal daran denkt, sich das Gehirn eigenhändig aus dem Kopf zu reißen und die schlechten, bösen Gedanken herauszuquetschen? „Ich ersticke an meinem eigenen Ich“, sagt der arme Jim McLeod. Dies ist einer der wahrhaftigsten Momente in der langen, reichen Karriere dieses Schauspielers.

          Es mit sich selbst auszuhalten, war immer eine Herausforderung für einen Künstler. Kirk Douglas übt sich nun schon neunzig Jahre darin.

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Topmeldungen

          737 Max : Flugverbot kostet Boeing Milliarden

          Der amerikanische Konzern stellt sich nach den Abstürzen der 737-Max-Maschinen auf hohe Entschädigungen ein. Es könnte sogar noch schlimmer kommen. Doch die Investoren goutieren die Klarheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.