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Fluchtdrama „Transit“ im Kino : Es war einmal in Marseille

Ein Mann, Georg (Franz Rogowski), kommt aus Paris nach Marseille, um zwei Briefe und ein Manuskript zu überbringen. Beides gehört dem deutschen Schriftsteller Weidel, der sich umgebracht hat. Weidels Ehefrau Marie (Paula Beer, so großartig wie in Ozons „Frantz“), die nichts vom Tod ihres Mannes weiß, wartet in Marseille mit den Visen nach Mexiko. Georg will die Briefe abgeben und bekommt stattdessen die Visapapiere ausgehändigt. Jetzt hat er Marie in der Hand. Doch statt sich ihr zu offenbaren, verliebt er sich in sie. Marie aber lebt mit Richard (Godehard Giese) zusammen, einem Arzt, der ebenfalls auf eine Schiffspassage hofft. Es ist die Konstellation von „Casablanca“, mit anderen, dunkleren Akzenten, aber ähnlichem Ausgang.

Befreiung und Falle zugleich

Die Flüchtlinge bei Anna Seghers gehören zu einer klar umrissenen, obwohl nie ausdrücklich benannten Gruppe: Kommunisten, Juden, Sozialdemokraten. Bei Petzold gibt es diese Klarstellung nicht. Wir hören bloß, dass „die Faschisten“ den Flüchtenden auf den Fersen sind, der Rest bleibt der Phantasie überlassen. Das ist ein Vorzug und ein Handicap. Der Vorzug liegt in der epischen Abstraktion: Jeder kann sich in den Figuren erkennen. Das Handicap ist der Verlust des Wirklichkeitsbezugs. An ihren Rändern, da, wo die Uhren der Geschichte ticken, hängt die Story in der Luft. Von den Dreharbeiten in Marseille hat Petzold erzählt, dass die Einheimischen verängstigt auf den Set kamen, weil sie beim Anblick der uniformierten Statisten an einen neuen islamistischen Anschlag dachten. Der Auftritt der Staatsmacht löst 2017 andere Reflexe aus als 1941. In einem entscheidenden Punkt ist „Transit“ eben doch historisch.

Auch die Massenflucht aus der Not in die Freiheit läuft heute in entgegengesetzter Richtung. Petzold zieht daraus die Konsequenz, dass er der Frau (Maryam Zaree) und dem Knaben (Lilien Batman), bei denen Georg ein flüchtiges Zuhause findet, maghrebinische Züge gibt. Der Mann und der Junge wachsen einander ans Herz, und eine Zeitlang spielt der Film (wie auch der Roman) mit der Möglichkeit des Menschlichen im Reich der Unmenschlichkeit. Aber dann verschwinden Melissa und Driss ohne Erklärung, und Georg trifft in ihrer Wohnung auf eine afrikanische Großfamilie. So unverbunden, wie es hier erscheint, ist das eher ein Bild der moralischen Hilflosigkeit als ein filmisches Statement. Der Verzicht auf Kostüme hat seinen Preis. Manchmal ist er zu hoch.

Wenn man „Transit“ sieht, wundert man sich, dass Petzold den Roman nicht schon viel früher verfilmt hat. Die Existenz im Transit, im Raum zwischen Leben und Tod („Yella“), Kriegs- und Nachkriegszeit („Phoenix“), Bürgerlichkeit und Illegalität („Die innere Sicherheit“) ist die natürliche Daseinsform seiner Figuren. Bei Anna Seghers bekommt sie sozusagen historische Weihen. Aber in dieser Selbstvergewisserung mit Hilfe eines Klassikers steckt auch eine Gefahr. Eine Hommage kann eine Befreiung und eine Falle sein. „Transit“ ist beides, und je länger der Film dauert, desto mehr bedauert man, dass sich der Regisseur nicht noch konsequenter von seiner Vorlage gelöst hat. Doch dann hätte er vielleicht keine Geschichte vom Weggehen mehr, sondern eine vom Ankommen erzählen müssen. Und dafür, scheint es, ist im Kino des Christian Petzold die Zeit noch nicht reif.

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