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Kinostart „Auge um Auge“ : Heimkehr an die innere Front

Ob ich ein Problem mit dir habe? Ich habe ein Problem mit jedem! Harlan DeGroat (Woody Harrelson, links) gegen Russell Baze (Christian Bale) Bild: dpa

Scott Coopers Film „Auge um Auge“ ist ein proletarischer Monsterwestern. In ihm glänzen Casey Affleck als Irak-Veteran, Christian Bale als rechtschaffender Stahlarbeiter und Woody Harrelson als bulliger Sturschädel.

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          Imperialismus ist, wenn Kriegsheimkehrer zu Hause weiterkämpfen müssen, weil Feldzüge, die unternommen werden, um die ganze Welt neu einzurichten, im Hinterland alles, was nicht wehrwichtig ist, erbarmungslos demontieren, vom Wirtschaftsleben bis zur Kleinstadtgemeinschaft - das Stahlwerk zum Beispiel, in dem der schmale, lakonische Gemütsmensch Russel Baze arbeitet wie zuvor sein Vater Rodney.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Den Alten hat der Laden das Leben gekostet, sein rechtschaffener Erstgeborener steht von Jugend an täglich in der Hochofenhitze - der jüngere Baze-Bruder Rodney Jr. aber, der mehrmals im Irak „für mein Land“ getötet und geblutet hat, mag sich nicht krummlegen für eine Industrie, die demnächst sowieso verschwinden wird, weil der Import von Stahl aus China den Vereinigten Staaten billigere Geschützrohstoffe verschafft als jede heimische Produktion.

          Blutrache aus Bruderliebe

          Casey Affleck spielt diesen blutjungen Veteranen als Legierung aus versehrtem Stolz, ziellosem Ehrgeiz und gestohlener Zukunft. Er hat im Leben nichts gelernt außer Austeilen und Einstecken, also versucht er bald, Wettschulden in Freistil-Schaukämpfen abzuarbeiten. Weil das keine White-Collar-Branche ist, gerät er dabei schließlich an gemeingefährliche subproletarische Lumpen, die ihn für einen Fehler seines Managers so schwer bezahlen lassen, dass sein älterer Bruder die Sache richten muss, unter Rekurs aufs älteste Rechtsgut entrechteter Klassen: die Blutrache.

          Fight: Casey Affleck als Rodney Baze Jr. während eines Schaukampfduells

          Christian Bale ist Russel, der Klügere, der, obwohl er Gewalt hasst, nicht nachgeben darf - um der Bruderliebe willen. Nachdem ihm ein fahrlässig verschuldeter Verkehrsunfall den Verlust des Traums von der eigenen Familiengründung eingetragen hat, lernt er das Schicksal in der Glaciszone der Appalachen, wie Scott Coopers Film es malt, als ein Monstrum kennen, das alle und jeden verschlingt, wer sie auch seien - von der staubigen Dörrdattel Willem Dafoe übers müde Butterhörnchen Forest Whitaker bis zur magischen Praline Zoë Saldana.

          Mannesstärke und Feingefühl

          Nur an der sprechenden Fleischwurst Woody Harrelson beißt sich das Universum fast die Zähne aus, weswegen Bale persönlich diesen Ausbund an Abscheulichkeit, der in seiner bulligen Asozialität schon wieder bildschön ist, in einer der längsten Sturschädelduelle diesseits des Italowesterngenres schließlich ganz, aber wirklich: gaaaanz langsam bestrafen muss.

          Groß gespielt, klug fotografiert: Bis auf die fragwürdige Voraussetzung, dass die Ausgebeuteten ihre hohe Sittlichkeit hier wieder einmal dadurch beweisen dürfen, dass sie sich von noch Aussichtsloseren nicht demoralisieren lassen, ist „Auge um Auge“ einer der stämmigsten und zugleich sensibelsten (oder wie das heißt, was die Polizei jetzt dauernd in Gruppenkursen lernt) Männerfilme, die man sich mit verständnisvollen Frauen derzeit im Kino angucken kann.

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