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Kinolegende Jean-Pierre Léaud : Das Kind von Marx und Coca-Cola

  • -Aktualisiert am

Ein Flüchtiger: Nouvelle-Vague-Ikone Jean-Pierre Léaud, Star der Truffaut-Filme um Antoine Doinel, plant eine Reise nach Wien - und bleibt dann doch fern. Denn er kann nur Kino, nicht das richtige Leben.

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          Die Filmfestspiele von Cannes sind eröffnet (3-D-Gewitter als Auftakt: „Up“ eröffnet die Filmfestspiele von Cannes) - und genau dort lief vor fünfzig Jahren im Wettbewerb François Truffauts erster Spielfilm „Les 400 coups“ (Sie küssten und sie schlugen ihn). Das war insofern der Startschuss zu jener Bewegung namens Nouvelle Vague, die wie keine andere unseren Blick aufs Kino verändert hat, als in dieser Geschichte des jungen Ausreißers Antoine Doinel die Kritikerriege der „Cahiers du Cinéma“ zum ersten Mal bewies, dass ihre Texte nicht nur Besserwisserei waren, sondern sie es auch in der Praxis als Regisseure anders anpackten als die Generation ihrer Väter. Fünfzig Jahre sind ein guter Anlass, um zu sehen, was aus Jean-Pierre Léaud wurde, der der Neuen Welle nicht nur in „Les 400 coups“ ein Gesicht verlieh.

          Wien, im Mai

          Das Kino hat ihm einiges zugemutet: In Godards „Made in USA“ (1966) wurde er mitten im Satz von Anna Karina erschossen, in Jean Eustaches „Der Weihnachtsmann hat blaue Augen“ (1965) musste er sich aus Geldgründen als Straßen-Nikolaus verdingen, in Aki Kaurismäkis „I Hired a Contract Killer“ (1990) gelang dem depressiv Vereinsamten nicht einmal der Selbstmord. Und vor Marlon Brando hatte er während der Dreharbeiten zu „Der letzte Tango in Paris“ 1972 solch panische Angst, dass er seine Szenen getrennt vom mächtigen Kollegen drehen musste. Jean-Pierre Léaud liebt das Kino, obwohl er es fürchtet.

          Zwanzig Jahre oder fünf Spielfilme lang, zwischen 1959 und 1979, stellte Léaud für seinen Entdecker und Mentor François Truffaut den linkischen Antoine Doinel dar, einen Flaneur im Labyrinth der Sinn- und Beziehungskrisen, einen Entlaufenen im eigenen Leben, nervös, manieriert und unnahbar: Als Identifikationsfigur ist Jean-Pierre Léaud ein unüblicher Typ. Die Selbstsicherheit von damals hat ihn schrittweise verlassen; man kann diese Entwicklung nachvollziehen, denn sie hat sich im Kino, in seinen Auftritten bewahrt - vom jugendlichen Sturm und Drang bei Truffaut über den fahrigen Polit-Slapstick Godards weiter in die Melancholie-Zonen des internationalen Autorenfilms. Seinen Realitätssinn hat er dabei weitgehend eingebüßt.

          Alles kommt aus ihm selbst

          Es falle Léaud „äußerst schwer, außerhalb der Filmwelt zu leben“, sagt Regisseur Serge Le Péron, der ihn 2001 in „Léaud l'unique“ liebevoll porträtierte: „Er bringt es ja allein kaum fertig, sich ein Spiegelei zu braten. Er ist auch fürs Theater nicht der richtige Typ. Er kann nur Kino!“ Léaud sei eben „Autodidakt; was er zu geben hat, kommt aus ihm selbst: aus der Beziehung zu seinen Eltern, aus seinem Leben“.

          Le Péron kennt Léaud seit dreißig Jahren, seit seiner Zeit als Kritiker bei den „Cahiers du cinéma“. 2000 besetzte er seine Hitchcock-Hommage „L'affaire Marcorelle“ (2000) mit Léaud - gegen alle Widerstände. „Es gab Versicherungsprobleme: Man sagte, Jean-Pierre habe Filme hingeschmissen kurz vor Drehbeginn, er galt als unverlässlich.“ Die „Cahiers“ seien Léauds Familie gewesen, erinnert sich Le Péron. „Als er 14 war, nahm ihn Truffaut mit in die Redaktion, wo er Rivette, Rohmer und Godard traf. So war es einfach für mich, in den späten Siebzigern mit Jean-Pierre eine Beziehung herzustellen. Es geht, wenn man als Filmemacher mit ihm kommuniziert, nicht um Figuren oder Inszenierungen. Es ist viel persönlicher. Ich etwa traf Jean-Pierre durch Jean Eustache: Wir waren alle vom selben Stamm.“

          Léaud scheut die Öffentlichkeit, Partys sind ihm zuwider, Interviews gibt er kaum. In Paris besucht er grundsätzlich keine Filmpremieren, auch nicht die eigenen, Retrospektiven sowieso nicht. Allerdings reise er ab und zu ganz gern ins Ausland, da sei er weniger befangen als in Frankreich, meint Le Péron.

          Es sah plötzlich schlecht aus

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