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Kinokritik : Die Himmelfahrt der Michaela

„Requiem” statt Tapetenwechsel Bild: X-Verleih

Es ist der vielleicht beste deutsche Film des Jahres. Hans-Christian Schmids „Requiem“ zeigt die Innenansicht der siebziger Jahre: Disco, Tübingen, Heilserwartung und das aufregendste Debüt seit Julia Jentschs Sophie Scholl.

          4 Min.

          Als alles schon fast vorbei ist, als Michaela mit ihrem Studium und ihrem Leben längst abgeschlossen hat, fährt sie mit ihrer Freundin Hanna noch einmal aus dem Dorf hinaus, auf einen Hügel. Sie sitzen auf einer Bank, und Hanna fragt: „Dein Wahnsinn hier, wie weit soll das gehen?“ Und Michaela antwortet: „Vielleicht hat das alles einen Sinn. Man kann sich nicht aussuchen, was Gott mit einem vorhat.“ Sie blicken in ein Tal hinab, es ist November, Wolken ziehen im Gegenlicht. Drüben, auf der nächsten Hügelkuppe, ist Wald, und irgendwo hinter den Hügeln, den Wäldern liegt die Welt, unerreichbar. Es ist kein Bild aus der Provinz, was man da sieht. Es ist die Provinz selbst, als Gefühl und Idee, als innere Wirklichkeit, wie gemalt von Caspar David Friedrich. Und es ist ein Bild aus einer Geschichte, erdacht von Bernd Lange, verfilmt von Hans-Christian Schmid: „Requiem“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Michaela ist neunzehn, sie lebt mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester in einem schwäbischen Dorf. In der ersten Einstellung des Films sieht man sie mit ihrem Rad hügelaufwärts zu einer Kapelle fahren, und ihr verzerrtes Gesicht verrät, daß dies keine Komödie sein wird, es zeigt einen Schmerz, der nicht nur körperlich ist. Dann, wie ein Kontrapunkt, kommt ein Brief aus Tübingen, von der Universität: Michaela darf studieren. Ihre Mutter fragt besorgt: „Wie stellst du dir das vor, mit deiner Sache?“ Der Vater, stellt sich heraus, hat schon ein Zimmer im Studentenwohnheim gemietet. „Sei anständig“, sagt die Mutter zum Abschied. Und Michaela geht nach Tübingen, mit ihrer „Sache“, von der man nichts sieht, nichts erfährt.

          Aufregendes Debüt

          Bis es geschieht. Es passiert auf einer Wallfahrt nach Norditalien, einer Busreise mit Vater, Mutter, Schwester, Pfarrer zu einem Altar der heiligen Katharina von Siena. Es passiert im Frühstücksraum einer Pension, nach einem Streit mit der Mutter, im frühen Morgenlicht. Sei froh, daß Mama nicht aufgestanden ist, sagt Michaelas Vater, als er seine Tochter vom Boden aufhebt. „Das wär's jetzt gewesen.“ Und Michaela sagt, sie habe Stimmen gehört. Dann geht der Film weiter, als wäre nichts gewesen, nur der Boden unter Michaelas Füßen hat jetzt einen Riß. Erst später, in Tübingen und aus dem Mund von Michaelas Kommilitonin Hanna, erfahren wir, was die „Sache“ eigentlich ist: Epilepsie. Und, als Folgeerscheinung, Psychose. Stimmen, Dämonen, so nennt Michaela, was ihr zustößt, nachts im Wohnheim, wenn der Boden unter ihr aufreißt. Der Pfarrer, dem sie sich offenbart, verweist sie an einen Kollegen. Und etwas kommt in Gang, langsam, still, unaufhaltsam.

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