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Kinogeschichte der Sklaverei : Was ist Sklaverei im Kino?

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In Steven Spielbergs „Amistad“ wurde 1997 ein wichtiges Motiv aus „Roots“ aufgegriffen, nämlich das Rumoren im Schiffsbauch, mit dem die Pilotfolge der Serie geendet hatte: „We will be one village“ und „we will live“ versprechen einander da die gefangenen Afrikaner auf der „middle passage“, in „Amistad“ machen sie noch auf dem Schiff den nächsten Schritt und meutern. Sie kommen vor ein amerikanisches Gericht, und der Film bekommt hier die Dimension, auf die es ihm eigentlich ankommt. Die Sklaven treffen nämlich auf eine funktionierende amerikanische Justiz, die in John Quincy Adams durch einen wahren Humanisten verkörpert wird. Es geht also letztlich nur indirekt um die Befreiungsagenda der Sklaven, stattdessen sucht der durch den Abolitionismus und die Bürgerrechtsbewegung hindurchgegangene amerikanische Staat nach Ursprungsmotiven für die freie Gesellschaft, die er sich auf die Fahnen schreibt.

In „Roots“ wird schließlich auch schon sehr früh ein entscheidendes Problem der Repräsentation von Sklaverei angesprochen. „I do not approve of fornication“, deklamiert Loren Greene mit biblischer Wucht. Doch „Unzucht“ oder zumindest sexuelles Begehren ist nun einmal ein Faktor, mit dem das amerikanische Kino immer, wenn auch nicht immer bewusst, rechnet und der auch in der zentralen Szene von „12 Years a Slave“ manifest wird, wo der Sklavenhalter Edwin Epps seine ganze unterdrückte Lust auf die Sklavin Patsey in einen wüsten Züchtigungsakt lenkt.

Der in dieser Hinsicht markanteste Film ist auch derjenige, der als der „evil twin“ von „12 Years a Slave“ gelten kann: Richard Fleischers skandalöser „Mandingo“ (1975). Hier sind wir mitten in einem alten Süden, in dem ein Patriarch wie der alte Warren Maxwell (James Mason in einer traurigen Spätrolle) seinen Rheumatismus zu lindern versucht, indem er sich Sklavenjungen unter die Füße legen lässt. Der an einem Bein lahmende Sohn Hammond heiratet aus Gründen des Anstands seine Cousine Blanche, von der er aber noch in der Hochzeitsnacht ablässt, weil ihm klar wird, dass sie bereits sexuelle Erfahrungen hat. „Who pleasured you?“, ruft er wutentbrannt aus, und wenig später wird klar, dass er durch den Verlust des Rechts auf die erste Nacht tief in seinem Selbstbewusstsein getroffen ist. „With a wench I’d know, but not with a white lady.“

Der seltsamen Idealisierung der afrikanischen Gespielinnen entspricht in „Mandingo“ eine problematische Mythologie männlicher Stärke, die schon der Filmtitel ausdrücklich ethnisiert: Die besten Kämpfer stammen aus dem Volk der Mandinka. Die Maxwells kaufen einen Mann namens Mede, gespielt von dem Boxer Ken Norton, ein durchsichtiger Versuch von Cross-Promotion, der den Sportler zu einem blutverschmierten Wrestler degradiert.

Der interessanteste Moment in „Mandingo“ ereignet sich zwischen Hammond und seiner Sklavengeliebten Ellen. Sie gibt in einem unbedachten Moment zu erkennen, dass sie die Nähe zu dem Mann, der ihr durchaus sympathisch zu sein scheint, auch deswegen aushält, weil sie auf resultierende Vorteile für die nachfolgende Generation hofft. Der junge Mann, ohnehin zerrissen zwischen den Ansprüchen seines dominanten Vaters und dem Zynismus seiner Verwandten, begreift plötzlich etwas, was ihm davor nicht einmal durch den Kopf gegangen zu sein scheint: „You mean, you want to be free?“

Diese Erkenntnis, dass die Sklaven einen freien Willen haben, dass sie Subjekte mit Wünschen, Hoffnungen und einer autonomen Agenda sind, musste sich bei den Sklavenhaltern durchsetzen, sie brauchte aber noch viel länger in einem Nationalkino wie dem amerikanischen, das die gesellschaftlichen Hierarchien bis heute reproduziert. Dem elementaren Wunsch, frei zu sein, hatte sich das amerikanische Kino bisher nicht in dem Maß gestellt, in dem es sich dazu aufgefordert fühlen hätte müssen, von der Sklaverei tatsächlich aus der Perspektive ihrer um Emanzipation bemühten Opfer zu erzählen. Es brauchte die Erinnerung an den Bericht eines freien Mannes, der in die Unfreiheit fiel, um uns auf diesen einfachen Umstand zu verweisen. Steve McQueen hat mit „12 Years a Slave“ nicht zuletzt ein großes persönliches Zeugnis neu erschlossen.

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