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Kinofilm „Paula“ : Sexuelle Versöhnung mit Otto

Clara Rilke-Westhoff (Roxanne Duran) und Paula Modersohn-Becker (Carla Juri) brechen in Rodins Atelier ein: Szene aus Christian Schwochows „Paula“. Bild: Pandora Film Produktion/Martin Valentin Menke

Manchmal fällt die Regie der Schauspielkunst zur Last: Christian Schwochow weiß in seinem Film „Paula“ über die Malerin Paula Modersohn-Becker offenbar nicht recht, was er illustriert.

          2 Min.

          Als Paula durch Paris läuft, mit offenem Haar, ihre Pinsel und ihre Zeichenmappe unter dem Arm, blicken die Männer von den Caféhaustischen auf und starren sie an. Männer in Hut und Mantel, mit Stehkragen, Vollbärten und Lorgnons, Männer des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist die Zukunft, die da an ihnen vorbeigeht, und sie zieht einen Riss durch das gewohnte Bild des Winternachmittags in den Tuilerien. Deshalb die Blicke, die Irritation, das Gemurmel an den Tischen.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es wäre schön, einen Film zu sehen, der mehr von diesen Blicken erzählte, von den Bildern, welche die Menschen von sich selbst und ihrer Welt im Kopf haben, und von den Gemälden Paula Modersohn-Beckers, die diese Bilder durcheinanderbringen. Einen Film als Werkstattbericht, wie es Mike Leighs „Mr. Turner“ vor zwei Jahren war. Für Christian Schwochow aber ist die Werkstatt der Malerin in „Paula“ ein unverfilmbares Terrain, er stellt seine Kamera lieber anderswo auf, und wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, nutzt er das Atelier lieber als Hintergrund für Liebesszenen oder Diskussionen über Kunst.

          So kommt es nur im deutschen Kostümfilm vor

          Dass Malerfilme auch vom Reden und Lieben handeln müssen, von Ehekrächen und Geldnöten und Landpartien und Umarmungen am Flussufer, ist klar. Aber „Paula“, der Film, tut so, als hätte er damit das Nötige gesagt, als wären die Bilder seiner Hauptfigur aus ebendiesen Zutaten gebacken. Er baut Worpswede nach und das Elternhaus in Bremen, lässt Otto Modersohn (Albrecht Schuch) von der Natur und Rainer Maria Rilke (Joel Basman) von der Seele schwärmen und macht uns weis, dies sei die Welt, auf die Paula Modersohn-Becker (Carla Juri) mit ihrer Malerei antwortete.

          Dabei geht er immer wieder in die Falle dessen, was Bresson „Postkartenismus“ nannte: Er illustriert, was er nicht versteht. Für das, was wirklich auf den Bildern der Malerin zu sehen ist, Armut, Unschuld, Nacktheit, hat er kaum einen Blick. Er erfindet eine Biographie, statt sie auf den Gemälden zu entdecken. Vielleicht ist „Paula“ darum in den Szenen am besten, die in Paris spielen. Hier muss sich der Film am wenigsten an Fakten halten, hier kann er mit der Überlieferung spielen, einen französischen Liebhaber aus dem Hut zaubern, eine Begegnung mit Camille Claudel, eine sexuelle Versöhnung mit dem triebgehemmten Otto. Einige Augenblicke lang begreift man, was Frankreich für die Malerin, die mehrmals dort war, bedeutet haben mag. Aber dann muss der Film nach Worpswede zurück, und die Postkartenmalerei geht weiter.

          Kinotrailer : „Paula“

          Christian Schwochow ist mit der Tellkamp-Verfilmung „Der Turm“, dem NSU-Zweiteiler „Die Täter“ und anderen Projekten einer der produktivsten Regisseure im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das merkt man „Paula“ an, auch und gerade da, wo Schwochow am entschiedensten Kino machen will. Jede Landschaft, jedes Interieur, jede Dialogszene wirkt so bilderbuchmäßig herausgeputzt, wie es nur im subventionierten deutschen Kostümfilm vorkommt. Deshalb ist der Furor, mit dem Carla Juri ihre Rolle spielt, von Anfang an vergeudet: Ihm fehlt der Resonanzraum, in dem ihr Schrei zum Tragen käme. Die Puppenstube glänzt, aber sie rührt sich nicht. „Wie schade“ ist das letzte Wort der Geschichte. Wie wahr.

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