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„Oray“- Regisseur Büyükatalay : „Der Islam steht nicht im Widerspruch zur Demokratie“

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem Film „Oray“ von Regisseur Mehmet Akif Büyükatalay Bild: Dejavu Film

Der Film „Oray“ erzählt eine Geschichte unter Muslimen in Deutschland. Im Interview spricht Regisseur Mehmet Akif Büyükatalay – über Zugehörigkeit, Zwänge und die Kölner Silvesternacht.

          Wie kamen Sie zu der Geschichte von „Oray“? Ein junger Muslim aus Hagen ringt darin um die Beziehung zu seiner Frau und zu seiner Gemeinde.

          Das war ein langer Prozess. Erst mal ist immer noch die größte Herausforderung, als muslimisch kultivierter Sohn einer Migrantin und eines Migranten einen selbstbewussten, eigenen Ausdruck zu finden. Ich wollte nie Filme über Muslime machen. Ich möchte nicht, dass Bilder von ehrengemordeten Töchtern und terrorisierenden Söhnen dominieren. Aber genau das wird erwartet. Die größte Frage für mich war: will ich den Film machen, weil es von mir erwartet wird, oder weil ich etwas erzählen möchte? Mein Kompromiss war: ich will ihn so erzählen, wie ich das möchte.

          Wie gut kennen Sie die Welt von Oray persönlich?

          Der Film ist sehr persönlich, aber er ist nicht autobiographisch. Ich kenne auch niemand, der die Scheidungsformel ausgesprochen hat, die Oray im Affekt gegen Burcu ausspricht. Die Welt aber kenne ich so gut, dass ich das ohne Recherche schreiben konnte. Die Suche nach dem Hauptdarsteller hat lange gedauert. Wir haben Zejhun Demirov nach einem Jahr gefunden. Er ist selbst fromm oder versucht fromm zu leben, er war eine Zeitlang auch bei den Salafisten. Seine Aussprache des Arabischen ist auffällig schön. Die Gemeinde aus Hagen, in der ich groß geworden bin, haben wir nach Köln verlegt. Deswegen sind auch mein Vater, mein Bruder und meine Cousins dabei. Dieses Gefühl der Vertrautheit und fast homoerotischer Intimität muss zu spüren sein. Ich wollte Zugehörigkeit zeigen.

          Oray spricht eindrucksvoll über seinen Glauben. „Nur der Islam kann uns bändigen“, sagt er, und er betont: „Wir sind verrückt, Mann.“ Sprache ist für den Film von zentraler Bedeutung.

          Ich habe sehr auf die Sprache geachtet. Dieses Mischen, Deutsch, Türkisch, Arabisch, Romanes innerhalb eines Satzes, das ist auch eine sprachliche Subkultur. Quasi eine neue Heimat in der neugeschaffenen Sprache, die auch die Vielfalt der Sprachen in sich einschließt. Wenn die so richtig über religiöse Themen fachsimpeln würden, könnten wir sie überhaupt nicht verstehen.

          Die Übergriffe in Köln zum Jahreswechsel 2015/16 prägen bis heute den Diskurs über Muslime in Deutschland. Wie sehen Ihre Bekannten das?

          Die erste Reaktion ist immer eine Abwehr. Man fühlt sich durch Glauben und Nationalität verbunden und wird auch von der Mehrheitsgesellschaft zur Positionierung gezwungen. Das behindert eine Verarbeitung. Ich sehe da also eher Verdrängung als Verarbeitung. Weil es auch um Schuldzuweisungen geht, statt dass man über Männlichkeitsbilder spricht.

          Burcu im Film ist eine Frau, die schon weiter ist als Oray. Sie ist selbständiger.

          Die dargestellte Gemeinde steht nicht für die 3,5 Millionen Muslime in Deutschland. Ich zeige eine autarke Jungsgemeinde. Was die Rolle der Frau angeht, ist bei Muslimen hier gerade sehr viel los. Die muslimische Community ist ja langsam schon in der dritten Generation. Das bringt einen teilweisen Aufstieg aus der Arbeiterschicht in die Mittelschicht mit sich, es gibt immer mehr gebildete Muslime. Mit diesem Aufstieg entsteht ein Bewusstsein für Individualismus und Selbstbestimmung. Das wird auch krass innerhalb der Gemeinden besprochen. Das Kopftuch ist das Emotionalste. Wobei es für viele Frauen mit Kopftüchern eigentlich das Selbstverständlichste ist.

          Burcu trägt keines, und Oray spricht das Thema auch nie an.

          Wenn Burcu nach Köln zu Oray kommt, dann ist das ihre eigene Entscheidung, keine Unterwürfigkeit. Sie hat auch wegen ihrer finanziellen Unabhängigkeit einen anderen Zugang zu sich selbst. Sie macht eine Ausbildung und wohnt allein. Dass Oray sich da nicht einmischt, hat mit ihrer Stärke zu tun, auch damit, wie „europäisch“ Oray ist. Bei den Frauen sieht man deutlicher: Es geht an einem ja nicht vorbei, dass man in Europa lebt. Das färbt ab.

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