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„Oray“- Regisseur Büyükatalay : „Der Islam steht nicht im Widerspruch zur Demokratie“

  • -Aktualisiert am

Daran wird oft gezweifelt.

Der Islam steht meines Erachtens nicht im Widerspruch zur Demokratie. Das ist eher eine Klassenfrage. Wenn Sie in Köln-Chorweiler in eine Siedlung gehen, da ist jetzt auch die Demokratie unter denen, die man Biodeutsche nennt, nicht verbreitet. Da liegt die Wahlbeteiligung bei unter 50 Prozent, da gibt es Verschwörungstheorien, da gibt es Wut gegen die da oben. Wir dürfen die soziale Frage und die Herausforderung der Demokratie nicht ethnisieren. In meiner Familie sind wir alle durch Bildung ein Teil dieser Gesellschaft geworden. Meine Schwester ist Architektin, sie trägt Kopftuch, sie hat sich scheiden lassen. Demokratie und Islam sind für sie nicht Dinge, die einander ausschließen.

Wie kamen Sie zum Kino?

Ich hatte immer schon einen Ausdruckswillen. Als Kind habe ich gezeichnet und Geschichten geschrieben. Irgendwann kam eine Satellitenschüssel, und damit eine Fülle von türkischen Filmen auf den Privatsendern. Irgendwann entdeckte ich die Simpsons. Das hat mich richtig geflasht. Das war das Intelligenteste, was ich im Fernsehen kannte, das war eine Zeichentrickserie, in die die ganze Hochkultur eingeschlossen war. Irgendwann merkt man, dass es bei den Simpsons viele Filmreferenzen gibt, also habe ich versucht, diese Filme zu schauen: Tarantino, Kubrick. Ich bin damals aber noch nicht zu dem Punkt gekommen, dass ich das auch machen könnte. Der Gedanke war fremd, als würde ich sagen: ich will Astronaut werden. Wer studiert, will Geld verdienen – so hatte ich das gelernt.

Woher kam dann der Mut, selbst Künstler zu werden?

Zuerst einmal habe ich das Gymnasium abgebrochen. Ich empfand eine doppelte Diskriminierung: als Arbeiterkind und wegen der türkischen Abstammung. Ich habe niemandem erzählt, dass ich nicht mehr zur Schule ging, und bin den ganzen Tag in der Bibliothek gewesen. Kunstbände haben mir weitergeholfen. Auf der Abendschule, auf die ich dann im zweiten Bildungsweg ging, war der Direktor ein ehemaliger Beuys-Schüler. Und der Deutschlehrer hat meine Texte gelesen und mich auf einen Workshop geschickt. An einem von der Schule mitorganisierten Kurzfilmwettbewerb habe ich mit einem Handyvideo teilgenommen und den ersten Preis gewonnen. Das hat meinen Wunsch bekräftigt. Nach einem Theaterworkshop, ebenfalls von meinem Deutschlehrer weitergeleitet, haben mir die Leiterinnen eine Empfehlung geschrieben. So fasste ich den Entschluss, mich an der Hochschule für Kunst und Medien in Köln zu bewerben. Ich habe mich nur da beworben. Entweder nehmen sie mich, oder nicht. Sonst studiere ich Geschichte auf Lehramt, dachte ich. Aber sie haben mich genommen.

Gibt es Vorbilder im Kino?

Ich schaue pro Tag ein bis zwei Filme und habe eine quasi religiöse Bindung an das Kino. Gerade jemand, der die Sprache des Landes, in dem er groß geworden ist, nachträglich gelernt hat, hinkt immer ein wenig nach. Wie ich mit Ästhetik umgehe, das beschäftigt mich gerade. Ich will nicht nur Realismus machen, nicht nur politisch-soziale Themen. Die Brüder Dardenne waren für „Oray“ forminspirierend, aber auch italienischer Neorealismus. Und das rumänische Kino. Man merkt in Rumänien eine krasse Dringlichkeit, sich auch formal mit dem Medium Film auseinanderzusetzen. Pasolini ist für mich Held und Vorbild. Er fängt mit Realismus an und wird immer ästhetischer, verliert aber nie die Politik aus den Augen.

Sind Sie gläubig?

Ich beantworte diese Frage nicht, weil ich nicht möchte, dass „Oray“ darauf hin gelesen wird. Weil mein Film so ambivalent ist, sucht man in meiner Person, in meiner eigenen religiösen Einstellung einen Entschlüsselungscode. Muslim ist man nicht nur, wenn man in die Moschee geht. Der Islam ist auch eine Kultur, samt Poesie und Alltagsmythen. Eine Form der Zugewandtheit zur Welt.

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