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Kinofilm „Krystal“ : Zu tief in den Ausschnitt geschaut

  • -Aktualisiert am

Verruchtheit statt Tiefe: Die Rolle der Krystal (Rosario Dawson) ist das eigentliche Ärgernis des Films. Bild: Kinostar Filmverleih

Traumfrau auf dem Problemberg: Der Film „Krystal“ von William H. Macy ist herablassend und verärgert mit einer Ideenschwemme, die von einer großen Portion Kitsch gekrönt wird.

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          Coming-of-Age-Filme, die den Moment fassbar machen, in dem aus einem Jugendlichen ein Erwachsener wird, weil er etwas verstanden, verloren oder erlebt hat, sind eine Institution im amerikanischen Kino. Besonderer Beliebtheit erfreut sich dabei spätestens seit „Harold und Maude“ (1971) die schrullige – oder wie die Amerikaner sagen: „quirky“ – Tragikomödie, die in jüngerer Zeit vor allem Wes Anderson mit Filmen wie „Rushmore“ (1998) oder „Moonrise Kingdom“ (2012) geprägt hat. Greta Gerwigs „Lady Bird“ (2017) ist ein leuchtendes jüngeres Beispiel. Kennzeichnend für diese Art von Filmen sind merkwürdige Charaktere, aberwitzige Handlungsverläufe und ein hipper Indie-Soundtrack.

          Mit seiner dritten Regiearbeit „Krystal“ leistet nun auch William H. Macy einen Beitrag zu diesem Genre. Der Amerikaner ist bislang vor allem als vorzüglicher Charakterdarsteller in Erscheinung getreten. Durch seine Rollen als glückloser Autoverkäufer in „Fargo“ (1996), gehörnter Ehemann in „Boogie Nights“ (1997) und erfolgloser Ex-Kinderstar in „Magnolia“ (1999) wurde er selbst zum Inbegriff des schrägen Vogels. Und mehr als vierzig Jahre Erfahrung im Filmgeschäft und die Zusammenarbeit mit Regie-Größen wie den Gebrüdern Coen und Paul Thomas Anderson wecken da gewisse Erwartungen an eine Tätigkeit auch hinter der Kamera.

          Leider bleibt es beim Konjunktiv

          Die Grundidee von „Krystal“, dass sich ein wohlbehüteter Teenager als Trinker ausgibt, um seiner deutlich älteren Traumfrau bei Treffen der Anonymen Alkoholiker näherzukommen, ist wirklich schön skurril. Sie birgt tragisches und komisches Potential, dessen geschickte Kombination eine gute Geschichte ergeben könnte. Doch leider bleibt es hier beim Konjunktiv. Denn der Film, für den Will Aldis das Drehbuch verantwortet, ist ein einziges Desaster. Wie so viele durchschnittliche bis schlechte Filme krankt auch „Krystal“ an einem überfrachteten Drehbuch und banaler Inszenierung.

          Problemfälle sind die anderen: Der milchgesichtige und altklug daherpalavernde Taylor (Nick Robinson) entstammt einem schablonenartig entworfenen Milieu.
          Problemfälle sind die anderen: Der milchgesichtige und altklug daherpalavernde Taylor (Nick Robinson) entstammt einem schablonenartig entworfenen Milieu. : Bild: dpa

          Beispiel: Der junge Taylor (Nick Robinson) muss nicht nur an der Liebe leiden, sondern auch noch an einer Herzerkrankung, die seine Angst vorm Erwachsenwerden versinnbildlichen soll. Die erste Begegnung mit Krystal (Rosario Dawson) endet dementsprechend gleich in einem doppelten Herzanfall. Am in goldgelbes Sonnenlicht getauchten Strand. Weitere Höchstformen des Kitsches, Fußabdrücke im Sand und ein in den Sonnenuntergang fahrendes Motorrad, werden den Film beschließen. Dazwischen lernt der Zuschauer noch etwas über die konstitutive Kraft des Drehbuchs: Dass der milchgesichtige und altklug daherpalavernde Taylor („I have a very old soul“) zu tief ins Glas schaut, wird von den vermeintlichen Leidensgenossen, allen voran Krystal, wohl nur deshalb widerspruchslos hingenommen, weil es so im Skript steht. Wenn Taylor zu tief in etwas geschaut hat, dann allenfalls in Krystals Ausschnitt.

          Und das führt zum eigentlichen Ärgernis des Films, nämlich dazu, was aus und mit Krystal gemacht wird. Am Strand nur mit kurzem, weißem Hemd bekleidet, ist sie von der ersten Szene an das Schauobjekt des Films, dessen Anblick nicht nur Taylors Herz aus dem Takt geraten lässt. Dass Krystal von Drehbuchautor Will Aldis eine Vergangenheit als Prostituierte und Stripperin und eine Gegenwart als Kellnerin, alleinerziehende Mutter eines Sohnes im Rollstuhl und Stalking-Opfer angedichtet wird, hilft da auch nicht weiter, im Gegenteil, da türmt sich ein Problemberg auf, der Krystals Charakter allenfalls Verruchtheit verleiht, aber keine Tiefe. Auch hätte die ausführlichere Behandlung einiger weniger Probleme ein Band zwischen ihr und Taylor knüpfen können, an dem es so nun fehlt. Die Annäherung beider bleibt somit reine Behauptung, nicht mehr.

          Krystals Gegenpol bilden Taylor Ogburn und seine Familie. Der Vater Professor, die Mutter Dichterin, der große Bruder bildender Künstler – ein Milieu, weiß, saturiert und hochgebildet, dem sich Macy, der mit seiner Frau Felicity Huffman die Eltern darstellt, offenbar zugehörig fühlt. Andächtig schließt man dort die Augen, wenn die Mutter eines ihrer Gedichte vorträgt. Und trotz mancher Überzeichnung werden die demokratischen Intellektuellen („We don’t need Satan, we have Republicans“) durchweg liebevoll inszeniert. Mit ihnen soll der Zuschauer sich identifizieren. Problemfälle sind hier die anderen, und zwar die mit anderer Hautfarbe und Herkunft, Krystal und Exfreund Willie (T.I.). Gossensprache, miese Wohngegenden, Gewalt und Drogen definieren ihr schablonenhaftes Milieu.

          Dass der Film mit seinem multikulturellen Cast wirbt, wirkt vor diesem Hintergrund nahezu zynisch. Das alles wäre nur halb so schlimm, wenn es nicht ernst gemeint wäre und nicht in einem unerträglich herablassenden Gutmenschentum gipfeln würde. So aber scheinen erschreckend reaktionäre Vorstellungen, die nicht nur vor dem Hintergrund der #Metoo-Debatte bedenklich sind, unter der dünnen Oberfläche hindurch.

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