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Kinofilm „Gute Manieren“ : Es gibt keine unschuldigen Träume

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Die dunkle Seite der Stadt: „Gute Manieren“ von Juliana Rojas und Marco Dutra hält Brasilien einen Spiegel vor. Bild: Edition Salzgeber

Mischwesen, Körperhorror und andere Allegorien brasilianischer Wirklichkeit: Im Film „Gute Manieren“ bekommt eine wohlhabende junge Frau ein etwas zu wildes Kind.

          Zwei höchst unterschiedliche Frauen sitzen einander zu Beginn des Films „Gute Manieren“ gegenüber: Clara Macedo, dunkelhäutig, die Haare ganz kurz geschnitten, der Blick misstrauisch. Sie möchte gern die Stelle als Kindermädchen bei Dona Ana, einer schönen, weißen Frau, die in einem Luxusapartment hoch über São Paulo lebt. Clara hat keine Referenzen, die einzige Telefonnummer, mit der sie herausrückt, erweist sich als die ihrer Vermieterin, und die lässt auch gleich ausrichten, dass eine Zahlung überfällig ist.

          Es gäbe also allen Grund, Clara diese Aufgabe nicht anzuvertrauen, aber Ana folgt offensichtlich einem Gefühl. Das Kind, um das es geht, ist noch nicht einmal geboren. Die Schwangerschaft steht unter gewissen Vorzeichen. Ana neigt zum Somnambulismus. Zudem ist sie ganz versessen auf Fleisch. Einmal macht ihr Clara dann sogar Spaghetti sangue, Blutnudeln. Irgendetwas Seltsames ist da im Gange, noch aber reicht eine natürliche Begründung, die Clara vielleicht von ihrer weisen Großmutter aufgeschnappt hat: Das Fruchtwasser steht in Beziehung mit dem Meer, mit den Gezeiten. Eine schwangere Frau reagiert halt sensibel auf den lunaren Zyklus.

          Vom Nebensächlichen zum Schrecklichen

          Es gibt da allerdings in der populären Mythologie auch noch einen Ernstfall der Mondbestimmtheit, und auf den wollen Juliana Rojas und Marco Dutra mit „As boas maneiras“ immer deutlicher hinaus: Wer sich bei Vollmond in ein wildes, behaartes Wesen verwandelt, ist ein Werwolf – und erinnert die Menschen daran, dass es mit ihrer Tiernatur vielleicht doch nicht ganz so harmlos ist, wie es bei einem pausbäckigen Neugeborenen vielleicht erscheinen mag. Der kleine Joel, den Ana schließlich zur Welt bringt, fällt sowieso eindeutig in die Kategorie schreckliches Baby, und über die näheren Umstände des Gebärens möchte man das potentielle Publikums von „Gute Manieren“ lieber nicht im Detail vorab in Kenntnis setzen.

          Mit diesem Kind stimmt etwas nicht: Die werdende Mutter gelüstet es nach Fleisch.

          Es zählt nämlich zu den Qualitäten dieses brasilianischen Films, dass er alles ganz natürlich wirken lässt, dass er also wie von selbst vom Nebensächlichen zum Schrecklichen (und dann vielleicht noch einmal in eine andere Richtung) führt. Ein Detail ergibt das andere, ein Gefühl erregt ein nächstes, und bald schon sind Ana und Clara ein Liebespaar, und Joel ist auf eine merkwürdig stimmige Weise ihr gemeinsames Kind, das Clara dann allerdings allein aufziehen muss.

          Joel wechselt damit einmal die sozialen Seite, er wäre eigentlich in ein Leben in einem goldenen Käfig hineingeboren worden, doch Rojas und Dutra spiegeln sehr klug die Umstände von Joels Herkunft in der Dramaturgie ihrer Geschichte. Ana kann nämlich den Vater des Jungen nicht mehr finden, sie kannte ihn nur eine Nacht lang, einen Mann aus einer Favela, also von der anderen Seite der sozialen Verhältnisse in der Millionenstadt São Paulo.

          Ein prototypischer Brasilianer

          Auf diese andere Seite wechselt „Gute Manieren“ in einem zweiten Teil, in dem Joel dann schon ein Schuljunge ist. Die Wohnung bei Dona Amelia ist zwar kein Elendsquartier, aber die Menschen, mit denen Clara es nun zu tun hat, sind untere Mittelschicht, zusammengehalten durch eine Schule, in der Kinder aller Hautfarben (in Brasilien nach wie vor ein herausragender sozialer Indikator) miteinander auskommen. Dass es mit Joel eine spezielle Bewandtnis hat, sieht man schon an seiner Pausenbox: Sein Freund Mauricio hat ein deftiges Mortadella-Sandwich dabei, Joel dagegen stochert in ein paar Broccolirosen. Das ist aber nur der erste Hinweis auf das ausgeklügelte Regime, das wir danach noch kennenlernen, mit dem Clara ihren schutzbefohlenen Stiefsohn von der dunkel leuchtenden Seite seiner Existenz fernhalten will.

          Die Allegorie in „Gute Manieren“ ist deutlich, aber nicht trivial. Joel ist ein Bastard, ein Mischwesen in jeglicher Hinsicht, und damit eigentlich ein prototypischer Brasilianer. Die Freundschaft mit Mauricio, der ein wenig aussieht wie ein pummeliger Möchtegern-Neymar, ist ein perfektes Versprechen auf eine gelungene soziale Integration, so wie die beiden Mädchen, die sich für eine Quadrilha (einen Schultanz zu viert) mit den Buben interessieren, das Idealszenario dann sogar noch erweitern. Doch zeigt sich auch in „Gute Manieren“, wie in allen guten Horrorfilmen, dass es unschuldige Träume nicht gibt.

          Sosehr der kleine Joel hoffen lässt, es gäbe irgendeine ontologische Epilation, die ihn von seiner zweiten oder eigentlich ersten Natur befreien könnte, so sehr ist auch für das Publikum der Drang stärker, ihn auf seiner Vatersuche zu begleiten. Er wird auf diesem Weg zu einem Ödipus in einer Gesellschaft, in der es einen ursprünglichen Zustand von Indigenität oder weißer Vorherrschaft nie gab. Marco Dutra und Juliana Rojas halten Brasilien einen Spiegel vor, in dem sich nationale Selbstverständnisse und geheimes Wissen aus den untergründigen Traditionen des „schwarzen Atlantiks“ mehrfach brechen. Und sie tun dies in Gestalt eines poetischen Schockers, der auf Verfahrensweisen zurückgreift, die selbst „gemischt“ sind: Die wunderbaren nächtlichen Szenerien in einem gefährlich verzauberten São Paulo wurden teilweise mit Matte Paintings erzeugt, einem ehrwürdigen, analogen Kameratrickverfahren.

          Das besondere Licht, das der Mond wirft, wird in „Gute Manieren“ zum Grundprinzip einer bewegenden Erzählung, in der schließlich auch begreifbar wird, warum Clara und Dona Ana zu Beginn so magisch voneinander angezogen werden: Sie bilden, eine schwarze und weiße Frau, gemeinsam einen Mondzyklus, den Marco Dutra und Juliana Rojas dann in allen Traumfarben des Kinos durchlaufen.

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